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Kommentar : Deutsche Tagesordnung

Die herausragende Lebensleistung von Helmut Kohl wird fast nebenbei im Bundestag gewürdigt. Deutschland fehlt der staatliche Sinn für selbstbewusste Symbolik.

          Dieses Parlament ist in der Tat ein „Arbeitsparlament“ durch und durch. Der Bundestag bringt es fertig, die historische, ja fast schon welthistorische Größe eines gerade verstorbenen Bundeskanzlers zu würdigen und gleich anschließend – Tagesordnungspunkt sieben! – über das PflBRefG, das Pflegeberufereformgesetz zu debattieren. Als ob der Mantel der Geschichte ein blauer Kittel sei. Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, machte das Beste daraus, hielt eine seiner stilvollen und auf den Punkt komponierten Reden, brachte die Zuhörer, unter ihnen ein amtierender und zwei ehemalige Bundespräsidenten, zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln – eine Kunst, die dann doch zeigt, dass es nicht nur um Arbeit ging. Lammert redete über Leben und Wirken Helmut Kohls, darüber, dass dessen Tod einen „tiefen Einschnitt“ bedeute. Aber er redete, vor merklich gelichteten Reihen auf der Linken, in wenigen Passagen auch darüber, ob es angebracht sei, was der Bundestag hier tue.

          Daran ließ er keinen Zweifel, erlaubte sich vielmehr den Anflug von Kritik, als er sagte, „dass Art und Ort der Würdigung einer herausragenden politischen Lebensleistung in und für Deutschland, bei allem Respekt, nicht nur eine Familienangelegenheit sind“. Das verstehe sich „von selbst“. Tut es das? Bislang war das nicht so. Die Bundeskanzler wurden in Absprache mit der jeweiligen Familie gewürdigt, nur dass bislang die Verlegenheit nicht entstanden war, dass Deutschland in Person des Bundespräsidenten eine andere Form der Trauerfeier wünschte als die Familie. Ausgerechnet im Falle Kohls war das nun anders. Mit Rücksicht auf die „Familienangelegenheit“ war staatlicherseits mehr als ein Zwischenstopp im Bundestag vor Tagesordnungspunkt sieben einfach nicht drin für Helmut Kohl. Auch daran merkt man: Einen Riesen wie Kohl gibt es in Berlin nicht mehr.

          Der Bundestag sei für eine angemessene Feier „der bestmögliche Ort“, sagte Lammert, damit niemand auf den Gedanken komme, dass es sich hier um eine Verlegenheitslösung handelt. Und es gibt ja noch die „einzigartige“ europäische Trauerfeier, die in einer Woche in Straßburg stattfinden wird. Auch sie kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland der staatliche Sinn für selbstbewusste Symbolik fehlte, um den vielleicht größten Glücksfall seiner jüngeren Geschichte am Ort des Geschehens zu würdigen. Die Tagesordnung war wichtiger.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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