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Gedenken : Gegen Corona ist selbst Martin Luther machtlos

Die Bronzefigur steht in Worms und zeigt Martin Luther Bild: dpa

Eigentlich wollten die Kirchen im April des Reformators in Worms gedenken. Doch sie hatten ihre Rechnung ohne den Bundespräsidenten gemacht. Der setzte just an jenem Wochenende eine Gedenkfeier für die Corona-Toten in Berlin an.

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          Protokollfragen spielen im Verhältnis von Staat und Kirche stets eine große Rolle. Das war auch schon so, als sich Martin Luther im Jahr 1521 auf dem Reichstag zu Worms stellte und Kaiser Karl V. mitteilte, dass ein Widerruf seiner Thesen für ihn keinesfalls in Betracht kommt. Die Anhänger des Reformators spitzten die Begebenheit mit einigem Geschick auf die Formel „Hier stehe ich und kann nicht anders“ zu, die darauf als Urszene der Gewissensfreiheit in das kulturelle Gedächtnis eingehen sollte.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Am 18. April, einem Sonntag, jährt sich Luthers berühmter Auftritt vor dem Kaiser nun zum fünfhundertsten Mal. Die beiden großen Kirchen bereiten sich seit geraumer Zeit auf diesen Termin vor und hatten für das gesamte Wochenende ein umfangreiches Gedenkprogramm inklusive Fernsehgottesdienst entworfen. Am Jubiläumstag sollten sowohl der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, als auch Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, in Worms auftreten. Doch die akribischen Planungen sind nun weitgehend Makulatur. Denn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die „zentrale Gedenkfeier für die Toten der Corona-Pandemie in Deutschland“ ebenfalls just auf den 18. April terminiert. Bei der Veranstaltung im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt werden die obersten Verfassungsorgane der Republik zusammenkommen. Das Fernsehen überträgt.

          Die beiden Kirchen reagierten alarmiert, als sie vor einigen Wochen erstmals von diesen Planungen erfuhren. Denn am 18. April finden nicht nur das Jubiläum von Worms, sondern überall im Land auch viele Firmungen und Konfirmationen statt. Diese Terminkollisionen hatte man in Berlin nicht im Blick. Im Bundespräsidialamt hätte man ursprünglich zwar lieber einen Termin vor Ostern gewählt für die Gedenkfeier. Das Kanzleramt bestand jedoch darauf, dass die Erinnerung an die Toten erst dann stattfindet, wenn der Lockdown voraussichtlich vorüber ist und mehr Hoffnung auf ein Ende der Pandemie besteht.

          Als möglichen Hinweis auf den eigenen Bedeutungsverlust wertete man in den Kirchen auch, dass der Staat zunächst keine Initiativen zeigte, die Religionsgemeinschaften sichtbar in das Totengedenken am 18. April einzubinden. Dies kam unerwartet, weil Frank-Walter Steinmeier selbst ein engagierter Protestant ist und sein Staatssekretär im Bundespräsidialamt, Stephan Steinlein, ein evangelischer Theologe. Das Bundespräsidialamt verweist darauf, dass Steinmeier inzwischen mehrfach mit Bedford-Strohm und Bätzing über die Planungen gesprochen habe und es keine Irritationen im Verhältnis von Staat und Kirchen gebe.

          Die Kirchen sahen sich jedenfalls zu einer Umplanung genötigt. Wie EKD und Bischofskonferenz am Freitag mitteilten, wird nun unmittelbar vor dem staatlichen Gedenkakt am 18. April ein ökumenischer Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche stattfinden. Geleitet wird der Gottesdienst mit interreligiöser Beteiligung von Heinrich Bedford-Strohm und Georg Bätzing. Das große Luther-Gedenken am gleichen Tag in Worms muss also ohne die ranghöchsten Repräsentanten der beiden Kirchen auskommen. Man habe diesbezüglich vor einem Dilemma gestanden, heißt es aus der EKD.

          Denn wie hätte es ausgesehen, wenn sich die Kirchen am 18. April mit ihrer eigenen Vergangenheit beschäftigen, während Deutschland der mehr als 60.000 Corona-Toten gedenkt? An anderer Stelle hießt es hingegen selbstkritisch, vielleicht habe man sich etwas zu beflissen den staatlichen Terminplanungen untergeordnet. Hätten sie also doch auch anders gekonnt? Luthers Auftritt in Worms, der von der EKD als „historisches Ereignis von Weltrang und als bedeutendes Beispiel für Zivilcourage“ beschrieben wird, sei schließlich auch ein Zeichen für die Unabhängigkeit der Religion von obrigkeitlichen Vorgaben gewesen.

          Die Kirchen erhalten für ihre Beteiligung an der Corona-Gedenkfeier in Berlin allerdings auch eine Kompensation. Bundespräsident Steinmeier, dessen Teilnahme an den Luther-Feierlichkeiten zu Worms nicht vorgesehen war, wird am Freitag, 16. April, einem Festakt in der rheinland-pfälzischen Stadt beiwohnen, der „gegenüber der ursprünglichen Planung nun mit den Eröffnungsfeierlichkeiten verschmolzen“ worden sei. Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm kommt selbstverständlich auch. Nur der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, wird an besagtem Wochenende nun überhaupt nicht mehr nach Worms reisen.

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