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Gedenken an den Mauerbau : „Instinktlos, geschichtslos und machtversessen“

  • -Aktualisiert am

Permanentes Gedenken im Berliner Regierungsviertel: Kreuze für die DDR-Maueropfer Bild: AP

Ausgerechnet den Jahrestag des Mauerbaus hätten sich die hessischen Sozialdemokraten ausgesucht, um über ein Bündnis mit der SED-Nachfolgepartei zu entscheiden, moniert die Berliner CDU. In der Hauptstadt wird derweil parteiübergreifend des Mauerbaus am 13. August 1961 gedacht.

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          Der Generalsekretär der Berliner CDU, Frank Henkel, hat am Dienstag kritisiert, dass die hessischen Sozialdemokraten ausgerechnet am Tag des Mauerbaus über eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei beraten wollen. Das sei „die Absolution für diesen schweren politischen Sündenfall“. Er nannte die Datumswahl der SPD in Hessen „instinktlos, geschichtslos und machtversessen“, ein „Anschlag auf die politische Moral“. Am 13. August 1961 hatte das SED-Regime begonnen, die Mauer um die DDR herum zu bauen.

          An diesem Mittwochvormittag werden die Spitzenvertreter der deutschen Politik Kränze an der offiziellen Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße, die durch die Mauer geteilt wurde, niederlegen. Die Ansprache zur Gedenkandacht vor dem offiziellen Gedenken wird in der benachbarten Versöhnungskapelle, anders als bislang, Bundestagspräsident Lammert halten und nicht Pfarrer Manfred Fischer vom Vorstand des Trägervereins der Gedenkstätte Bernauer Straße.

          Gemeinsame Stiftung von Bund und Berlin

          Wenn alles wie geplant verläuft, wird zum 19. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November diesen Jahres eine gemeinsame Stiftung von Bund und Land Berlin errichtet werden. Unter ihrem Dach werden künftig das Dokumentationszentrum an der Bernauer Straße und das ehemalige Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde, durch das zwischen 1953 und 1990 1,3 Millionen Flüchtlinge gingen, solide finanziert arbeiten. Die Arbeit in der Bernauer Straße und die Erinnerungsstätte in Mariendorf wurden bisher durch ehrenamtlich engagierte Bürger betrieben. Sie galten zu Unrecht als zu „abgelegen“, um große Besuchermengen anzuziehen.

          Am Checkpoint Charlie in Berlin
          Am Checkpoint Charlie in Berlin : Bild: ddp

          Zur Bernauer Straße, die gegenwärtig so ausgebaut wird, dass man sehen kann, wie die Mauer - die immer aus zwei Mauern, dem Todesstreifen dazwischen und den Kolonnenwegen für die Wachsoldaten samt charakteristischer Beleuchtung bestand - tatsächlich aussah und wie sie funktionierte, finden allmählich mehr Touristen den Weg: 265.000 waren es im vergangenen Jahr, im ersten Halbjahr 2008 kamen 164.000 Besucher. Bis zum 50. Jahrestag des Mauerbaus im Jahr 2011 soll das Ensemble aus Dokumentationszentrum, Aussichtsplattform, Open-air-Ausstellung und Totengedenken fertig gestellt sein, eine Zwischenetappe soll im nächsten Jahr zum 20. Jahrestag des Mauerfalls erreicht sein.

          136 Mauertote

          Am Dienstag markierte der Berliner Künstler Ben Wagin den Mauerverlauf zwischen dem Haus der Bundespressekonferenz und dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestags mit dem Abrieb eines Ziegelsteins. In seinem „Parlament der Bäume“, das dort nach dem Mauerfall gepflanzt worden war, stehen authentische Mauerreste, der Kolonnenweg ist erhalten. Noch fehlt dem Ort der Denkmalschutz. Bis zum nächsten Jahr soll auch dort - wie anderswo - eine Doppelreihe Pflastersteine den Verlauf der Mauer im Stadtbild nachvollziehbar machen.

          Das gemeinsame Forschungsprojekt des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung und der Gedenkstätte Berliner Mauer hat bisher 374 Fälle von Maueropfern geprüft und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass zwischen 1961 und 1989 „mindestens“ 136 Menschen an der Berliner Mauer getötet wurden oder „in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben“ kamen. 98 von ihnen wurden beim Versuch, die DDR zu verlassen, erschossen; andere verunglückten oder nahmen sich das Leben.

          Dreißig Menschen wurden erschossen oder verunglückten tödlich, ohne dass sie Fluchtabsichten hatten, und acht DDR-Grenzsoldaten wurden im Dienst getötet - von Fahnenflüchtigen, Kameraden, Flüchtlingen, einem Fluchthelfer und einem West-Berliner Polizisten. 48 Reisende starben vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen.

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