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9. November : Wachsam, dankbar und mit Stolz auf unser Land

Schwarz-Rot-Gold an Uniform. Bild: dpa

In der deutschen Geschichte ist nicht nur der Schrecken gegenwärtig. Sie lehrt Demut. Aber auch Stolz, ohne den sich die Zukunft nicht meistern lässt.

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          Es ist ein historischer Zufall, dass der 9. November der Tag der Ausrufung der Republik, der öffentlichen Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger und zugleich der Tag ist, an dem die Mauer fiel, die Deutschland über Jahrzehnte geteilt hatte. Er ist deshalb ein Gedenktag. Zum unbeschwerten Feiern taugt er nicht. Doch was heißt schon unbeschwert? Keine Nation hat eine gänzlich unbeschwerte, ungebrochene Geschichte – was viele wiederum nicht von farbenfrohen Festen und schmissigen Paraden abhält. Auch das ist eine Form der Vergangenheitsbewältigung – das Hochhalten einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit, um in der Gegenwart das Volk zu einen. Die Brüche sind in der deutschen Geschichte immens; intensiv ist auch die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit und Schuld.

          Der 9. November erinnert daran, dass Freude und Verbrechen, Aufbruch und Schande eng beieinanderliegen können. Es gibt keine Sicherheit vor einem Absturz in die Barbarei. Auch eine hohe formale Bildung bietet keine Garantie vor einem Rückfall in Hass und Gewalt. Zur unbequemen Wahrheit gehört auch, dass wir anfällig sind, dass die allermeisten mitgemacht haben, aber die schlichte Einteilung von Menschen in gut oder böse der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Das demokratische Deutschland wurde eben auch von zahlreichen „Tätern“ mit aufgebaut.

          Die beste Gewähr für den Fortbestand der Republik in Frieden und Freiheit bieten feste Institutionen auf starkem Grund, die von Bürgern getragen werden, die die gemeinsame Sache eint. Der Blick zurück macht die „res publica“ mit all ihren Narben erst zu dem, was sie ist: unser Land. In der Geschichte ist nicht nur der Schrecken gegenwärtig; sondern auch die Aussicht, dass man immer wieder aufstehen kann. Sie lehrt gewiss keinen Hochmut, sondern Demut. Aber auch Stolz, ohne den sich die Zukunft nicht meistern lässt. Wachsam, dankbar und mit Zuversicht – so lässt sich nicht nur der 9. November begehen.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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