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Geburtenrate : Fruchtbare Politik

1,4: Die Geburtenrate in Deutschland liegt weiter hinter Frankreich zurück - dort entbinden die Frauen im Schnitt zwei Kinder Bild: dpa

Die deutsche Geburtenrate liegt bei 1,4 Kindern pro Frau. Der Staat will mit neuen Hilfen für eine Steigerung sorgen. Doch die politischen Schrauben greifen bei der Demographie nur bedingt.

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          Der Kinderwunsch kommt aus dem Innersten. Er hat mit Biologie zu tun, mit Psychologie und ziemlich oft auch mit Liebe. Auf gute demographische Daten bedachte Politiker mögen manchmal meinen, an der Fruchtbarkeit der Deutschen schrauben zu können. Aber wenn es darum geht, ob eine Frau, ein Mann, ein Paar sich ein Kind wünscht, ist die Politik erst einmal draußen, Gott sei Dank.

          Jetzt will die Familienministerin Paaren helfen, die sich diesen Wunsch nicht selbst erfüllen können. Der Staat soll, so hat es Kristina Schröder von der CDU angekündigt, vom nächsten Frühjahr an bei künstlichen Befruchtungen die Hälfte der Kosten übernehmen, die derzeit die Paare tragen. Weil auch die Krankenkassen einen Anteil leisten, müssten die Paare künftig nur noch ein Viertel selbst zahlen. Man mag den Vorstoß mit dem Argument ablehnen, dass man sein Steuergeld lieber anders angelegt sähe. Zugleich ist das Beispiel vielleicht das einzige überhaupt, bei dem ein einigermaßen klarer Zusammenhang zwischen Förderung und Fertilität zu bestehen scheint. Bis Ende 2003 kamen die Kassen noch voll für die Behandlung auf. Als diese Leistung 2004 auf die Hälfte der Kosten gekürzt wurde, sank die Zahl der Geburten nach künstlicher Befruchtung von 17.000 auf 8000 im Jahr.

          1,4 Kinder pro Frau

          Sollte von April 2012 an der Staat teilweise einspringen, wo die Kassen nicht mehr zahlen, könnte es also tatsächlich sein, dass in den nächsten Jahren ein paar tausend deutsche Säuglinge auf die Welt kommen, die ohne den neuen 40-Millionen-Topf des Familienministeriums nicht geboren würden. Angesichts von mehr als 670.000 Geburten im Jahr fiele diese Zahl aber nicht sehr ins Gewicht. Die Kinderzahl von 1,4 pro Frau dürfte sie kaum beeinflussen.

          So unabhängig vom Willen der Politik die grundsätzliche Entscheidung für ein Kind ist: Ob ein Paar danach noch ein zweites oder gar drittes Baby bekommt, kann stärker von außen beeinflusst werden. Das Einzelkind ist schnell "aus dem Gröbsten raus", bei mehreren Geschwistern zieht sich dieses "Gröbste" nun einmal in die Länge. Die Betreuung für ein Kind zu organisieren ist meist machbar, Karriere oder Broterwerb können ohne allzu große Einschnitte wiederaufgenommen werden. Eine weitere Unterbrechung wird nicht folgen. Das honoriert auch der Arbeitgeber.

          Wer sein Leben als Kleinstfamilie nach einem Jahr Elternzeit, gern garniert mit zwei Partnermonaten, wieder halbwegs eingependelt hat, dem ist nicht nur sein Urwunsch erfüllt worden - es ist ja ein Kind da -, sondern er oder sie hat möglicherweise auch gemerkt, wie unzureichend die deutsche Infrastruktur für Doppelverdiener-Familien in vielem noch ist, aller Förderung zum Trotz. Gäbe es bessere Bedingungen für Teilzeit, mehr Betriebskindergärten, Kitas mit flexibleren Öffnungszeiten, dächten womöglich mehr Menschen über ein weiteres Kind nach. Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich: Dort hat jede Frau im Schnitt nicht 1,4, sondern 2,0 Kinder. In Worten: zwei.

          Früher anfangen

          Für 2010 fanden die Statistiker auch in Deutschland einen leichten Trend zum zweiten und dritten Kind. Das dem 2007 eingeführten Elterngeld zuzuschreiben wäre verfrüht. Genauso wenig muss die höhere Kinderzahl der Französinnen zwingend auf die französischen Krippen zurückzuführen sein. Denn auch die Gründe dafür, mehrere Kinder zu bekommen, liegen nicht ausschließlich auf der politisch-organisatorischen Ebene: Sie sind auch verquickt mit den Einstellungen einer Gesellschaft zu Emanzipation und Berufstätigkeit der Frau, zur Vaterrolle, zu Kindern und Familie. Dazu, was wichtig ist im Leben.

          Der Staat soll, so hat Familienministerin Kristian Schröder angekündigt, in Zukunft die Hälfte der Kosten für eine künstliche Befruchtung übernehmen

          Wahrscheinlich gäbe es mehr Kinder und mehr Mehr-Kind-Familien, wenn Frauen und auch Männer in Deutschland früher mit dem Kinderkriegen anfingen. Aber auch das lässt sich nur bedingt beeinflussen. Eine 23 Jahre alte Studentin wird sich auch von hervorragenden Studium-mit-Kind-Angeboten nicht animieren lassen, ihrem Freund vorzuschlagen, ein Baby zu zeugen, selbst wenn sie gerade in einer vom Staat herausgegebenen Broschüre gelesen hat, dass ihre Fruchtbarkeit schon ab 25 sinken wird. Wie soll sie zwischen Lernstoff, WG-Partys und Praktika entscheiden, ob der Mann, mit dem sie gerade zusammen ist, der Richtige ist?

          Familienfreundliche Politik ist richtig

          Ist die junge Frau aber etwas älter geworden, hat einen guten Beruf und den Richtigen gefunden, so ist es durchaus denkbar, dass ein familienfreundliches Umfeld sie in ihrem Mut bestärkt, den fest geplanten, aber immer wieder verschobenen Schritt etwas früher zu wagen. Dann gäbe es vielleicht sogar weniger Paare, die das Förderangebot von Frau Schröder deswegen in Anspruch nehmen müssten, weil sie zu lange gewartet haben, als dass es auf natürlichem Weg hätte klappen können.

          Der Staat ist kein Stellwerk, politische Schrauben greifen bei der Demographie nur bedingt. Dennoch ist familienfreundliche Politik richtig. Selbst wenn sie nur den Familien helfen sollte, die ohnehin entstehen.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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