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Nach Gauland-Äußerung : Tausendundein Fehler

Durchdachte Sprach-Provokation? Für seine Bemerkung über Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng bekam Alexander Gauland Kritik – auch aus der eigenen Partei. Bild: dpa

Der AfD wird oft eine schlaue Strategie aus Provokation und Beschwichtigung unterstellt – auch im Falle von Gaulands Äußerungen. Dabei machen die Funktionäre einfach Fehler.

          Seinen Freund nannte Martin Renner oft „Nigga“ oder „Blacky“. Umgekehrt wurde der nordrhein-westfälische AfD-Vorsitzende von seinem Bekannten aus Kamerun oft „Whitey“ oder „Massa“ genannt – ganz so, als lebten beide als Sklavenhalter und Leibeigener auf einer Baumwollplantage im Alabama des 19. Jahrhunderts.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Diese Geschichte aus seinem Leben erzählte Renner am Sonntagabend auf Facebook. Da steuerte die Erregung über die Äußerung seines Parteifreundes Alexander Gauland gerade auf ihren Höhepunkt zu. Der Mann aus Kamerun war ein Grafiker, „sehr gebildet“ und „vertraut mit deutscher Literatur und unseren Sitten“, wie Renner schreibt. Die beiden wurden Freunde, trafen sich und sprachen über „Kunst, über Vorurteile, über Heuchelei“.

          Wie der Prototyp einer AfD-Provokation

          Beide verband neben einer Freundschaft offenbar auch ein Gespür für Tabubrüche. „Häufig, wenn wir in fremder Umgebung waren und wir uns in besonders guter Laune befanden, nannte ich ihn: Nigga und er mich Massa. Warum, weiß ich nicht mehr. Aber die Reaktionen Anderer haben uns immer amüsiert.“ Die Pointe von Renners Geschichte ist, dass dieser Freund ihm einmal gesagt habe, er fühle sich in Deutschland oft „nicht als gleichwertig und eher als ein Objekt der Bevormundung“. Diesen Eindruck habe er „hauptsächlich“ bei Menschen, „die sich besonders einfühlsam und aufgeschlossen“ gäben. Soll heißen: bei Linken. Nicht bei Rechten, wie Renner einer ist.

          Man könnte diese Erzählung für den Prototyp einer AfD-Provokation halten. Sie enthält den Stoff, aus dem sich harte Debatten entspinnen können. Die Verwendung eines rassistischen Schimpfwortes nämlich, gepaart mit einer Apologie desselben. Man könnte Renner den Vorwurf machen, er entschuldige die Verwendung von rassistischen Schimpfwörtern mit dem Hinweis, dass ein Betroffener sich an diesen nicht gestört habe, sondern im Gegenteil selbst – offenbar gutgelaunt – ein rustikales Vokabular pflegte, indem er Renner einen „Whitey“ und „Massa“ nannte.

          Renner kann in diesem Fall mit Gelassenheit reagieren. Schließlich geht es um Dialoge unter Freunden. Und doch enthält seine Anekdote mehr als das. Nämlich den Subtext, es seien oft die „aufgeschlossenen“ Menschen die eigentlichen Rassisten und nicht Menschen wie Renner, der seinen dunkelhäutigen Freund zum Jux „Nigga“ rief. Diese Aussage könnte bei nicht wenigen zu Widerspruch führen, Renner wäre groß in den Nachrichten, die AfD wäre, wieder einmal, der Gegenstand einer turbulenten Debatte.

          Der eine provoziert, der andere beschwichtigt

          Nicht wenige sehen in der AfD-Führung deshalb große Könner am Werk. Sie glauben, dass Gauland nur deshalb einen allseits beliebten Nationalspieler wie Jérôme Boateng zum Thema macht, weil die Empörung seiner Partei zu Schlagzeilen verhilft. Sie glauben an geheime Absprachen unter AfD-Funktionären und an eine Arbeitsteilung. Der eine provoziert, der andere beschwichtigt, am Ende soll die Partei sämtliche Sorten von Wählern erreichen – die mit und die ohne Bedenken.

          Tatsächlich haben AfD-Funktionäre in der Vergangenheit ganz offen die Absicht geäußert, die Gesellschaft mit Provokationen verändern zu wollen. Auch Renner hat das gesagt, auf einem Landesparteitag im vergangenen Jahr. „Die AfD hat die Aufgabe, die Überwindung der linksideologischen Indoktrination unserer Gesellschaft in Angriff zu nehmen“, sagte er da und stellte die Frage: „Wie aber erobern wir diesen metapolitischen Raum?“ Seine Antwort: „Wir setzen die Provokation gezielt ein und entlarven den öffentlichen Diskurs als Herrschaftsinstrument. (...) Öffentliche Auftritte sind für uns nicht dazu da, dass wir das feine und perfide Spiel der Vernebelung mitspielen, sondern dafür, dass wir durch vorbereitete Sprach-Provokationen dieses Spielchen beenden.“ Ganz so, könnte man vermuten, wie es Gauland mit seiner Boateng-Äußerung getan hat.

          Ein mediales Komplott gegen Gauland

          Doch Renners Wunsch wird nicht erfüllt. So gewitzt, wie er hofft, sind die Funktionäre seiner Partei nicht. Das belegen nicht etwa Aussagen seiner Parteifreunde, sondern die parteiinterne Dynamik, die auf viele Tabubrüche folgt.

          Die Causa Gauland ist dafür das beste Beispiel. Als Reaktion auf den Bericht darüber sagte Renner der F.A.Z.: „Ich glaube, dass das ein mediales Komplott gegen Gauland war. Unmittelbar vor der Europameisterschaft wird die Fußballgemeinde aktiviert, um diese gegen die AfD aufzubringen.“ So sehen das auch Hunderte von Twitter-Nutzern, die seit dem Wochenende unter dem Kürzel „#Lügenpresse“ der Vorstellung folgen, dass Gaulands Äußerung eine schlichte Fälschung sein könnte. Solche Verschwörungstheorien sind auch eine Aussage. Sie machen nur Sinn, wenn Äußerungen, wie jene von Gauland über Boateng, etwas Verwerfliches sind.

          So nimmt die Debatte für Gauland einen Verlauf, der für ihn unangenehm ausgehen könnte. Denn die Aussagen und die schriftlichen Aufzeichnungen von zwei Korrespondenten der F.A.Z. belegen seine Äußerung. Entsprechend gewagt scheint die Idee, dass der Provokation Gaulands und der Beschwichtigung durch die Parteivorsitzende Frauke Petry ein strategischer Genius innewohnt. Parteikreise berichten, dass Gauland von Petry angerufen wurde nach der Veröffentlichung seines Boateng-Zitats. Gauland soll danach in der Partei berichtet haben, er sei von Petry angeschrien worden. Eine Arbeitsteilung oder gar stille Absprache zwischen Gemäßigten und Radikaleren sähe wohl anders aus.

          Höcke bemüht sich, artig zu sein

          Gäbe es solche Absprachen, hätte man sie bei Höcke beobachten müssen. Der thüringische Landesvorsitzende galt lange als oberster Tabubrecher der Partei. Auch er sprach schon, wie Renner, sinngemäß über die Gewieftheit seiner Rhetorik, mit der er Diskursräume erobere. Gar nicht zu diesen Worten passt hingegen, was in der AfD passierte, nachdem sich Höcke auf Demonstrationen betont deutschtümelnd äußerte. Da wurde er nämlich, wie es in der Partei heißt, in den Senkel gestellt.

          Die Konferenz der Landesvorsitzenden beauftragte den damaligen Berliner Vorsitzenden Günter Brinker, mit Höcke ein ernstes Wort zu reden. Die beiden telefonierten lange. Von Schulterklopfen oder Einigkeit war nach Informationen der F.A.Z. in dem Gespräch keine Rede. Höcke hatte sich zu rechtfertigen. Ihm wurde die Nachricht übermittelt, er solle diese Provokationen lassen. Sehr „einsichtig“ soll sich Höcke in dem Gespräch gezeigt haben, Fehler soll er zugegeben haben, hieß es danach.

          Tatsächlich ist es seither ruhiger geworden um Höcke – mit Ausnahme seiner rassentheoretischen Aussagen über das Fortpflanzungsverhalten von Afrikanern. In dem Fall habe Höcke aber nicht wissen können, dass sein vor kleinem Publikum gehaltener Vortrag öffentlich werde, heißt es in der Partei. Will heißen: Der Mann bemüht sich – im Rahmen seiner Möglichkeiten –, artig zu sein. Die Vorstellung, dass es sich bei Skandalen von Höcke, Gauland, Petry oder Beatrix von Storch – Stichwort: Schusswaffengebrauch – um eine durchdachte Strategie handelt, stützen solche Anekdoten nicht. Dafür scheint der parteiinterne Tadel zu ernst. „Das ist keine Strategie“, sagt ein gut informiertes Parteimitglied, das nicht genannt werden will. „Das sind einfach Fehler.“ Dass sie der Partei trotzdem helfen, schließt er nicht aus.

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