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Gaucks Rede im Wortlaut : „Zu diesem Deutschland sagen Sie ,ja’“

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Schlechtere Chancen auf eine Lehrstelle

Chancengerechtigkeit braucht aber noch mehr als Geld, nämlich eine geistige Öffnung. Dass jeder fünfte in unserem Land eine Einwanderungsgeschichte hat, muss überall sichtbar werden, nicht nur auf dem Fußballplatz oder bei der Tagesschau. Wir brauchen viel mehr Rollenvorbilder, viel mehr Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Schulen und Behörden, bei Polizei und in Kindergärten, in Theatern und Universitäten, in Redaktionen und Ministerien, in Parteien und Verbänden! Einstieg und Aufstieg zu gewährleisten, ist beides: eine Frage der Gerechtigkeit und ein Gewinn für die Gesellschaft.  Eine wichtige Funktion auf dem Weg in die Mehrheitsgesellschaft kommt dabei jenen zu, die als Eingewanderte neuen Einwanderern den Weg ebnen. Ich habe selbst bei meinem Besuch der Stadtteilmütter in Berlin-Neukölln erfahren, wie wichtig gezielte Starthilfe ist, wie wertvoll es ist, wenn jemand kommt, der sagt: „Ich zeige Dir einen Weg.“

Diese Frauen sind selbst eingewandert. Sie öffnen Türen, die anderen verschlossen bleiben. Sie wissen, wie schwierig es ist, zwischen den Erwartungen der Herkunftskultur und denen der hiesigen Gemeinschaft zu leben. Sie kennen die Ängste mancher Eltern, ihre Kinder in der neuen Gesellschaft nicht mehr zu verstehen, ja, sie zu verlieren. Solche Mentorenprogramme gibt es auch andernorts. Ich kann nur schwer verstehen, warum ihr Fortbestand oftmals in Frage steht. Ich kann auch nicht mehr verstehen, warum Jugendliche, bloß weil sie Slavenka oder Mehmet heißen, bei gleichem Zeugnis und Lebenslauf noch immer schlechtere Chancen auf eine Lehrstelle oder eine Wohnung haben als Lena oder Lukas. In unserem Grundgesetz steht dazu ein Satz, der klarer nicht sein könnte: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Wir brauchen Geduld

Diskriminierung schadet allen. Junge Leute aus Einwandererfamilien werden entmutigt und verleitet zu sagen: „Wozu soll ich mich anstrengen, die wollen mich doch eh‘ nicht“. Und diejenigen, die es geschafft haben, eine gute Ausbildung zu erhalten, werden danach in Länder gehen, in denen man sie nach ihrer Leistung beurteilt und nicht nach ihrer Herkunft. Dorthin, wo ihnen nicht ständig bedeutet wird: „Passt Euch gefälligst an“, sondern wo man sie mit ihrer ganzen Persönlichkeit annimmt – und mitgestalten lässt.

Es gäbe noch viel darüber zu sagen, wie sich unsere Gesellschaft und ihre Institutionen besser auf das Zusammenleben der Verschiedenen einstellen könnten. Aber dann werden Sie, liebe Ehrengäste, sich fragen: Bekomme ich heute wohl noch meine Einbürgerungsurkunde? Auch ich freue mich sehr auf diesen Moment und darauf, Ihnen eine Ausgabe unseres Grundgesetzes zu überreichen, die wir eigens für diese Einbürgerungsfeier – und für hoffentlich noch viele weitere – haben drucken lassen. Lassen Sie mich deshalb zum Schluss kommen, zuvor aber noch von einer Begegnung erzählen. Es war ausgerechnet ein junger Mann, ein türkeistämmiger Deutscher, der mir kürzlich in einer Gesprächsrunde über Integrationsprobleme riet: „Geduld!“

Ich war erstaunt. Ja, wir brauchen auch Geduld. Aber Einwanderung gelingt auch deshalb, weil viele von uns früher Ungeduld an den Tag legten und alles daran setzten, Politik und Gesellschaft in Bewegung zu bringen.  Ich bin sicher: Die Geduldigen wie die Ungeduldigen werden gemeinsam dafür sorgen, dass alle, die hier leben, zu diesem Land „unser Land“ sagen können. Dieses, unser Land ist heute, und es ist auch mit Ihrer Ankunft in der Staatsbürgerschaft, nicht vollendet und nicht perfekt. Nach Ihnen werden andere Menschen zu uns kommen wollen. Und es wird weiter Reibung geben und Annäherung. Und Sie werden dann zu den Alteingesessenen gehören und werden, zusammen mit meinen Kindern, neu um Toleranz, Respekt und Teilhabe ringen. In einer offenen Gesellschaft sind es auch die Kontroversen, die zu neuen Normalitäten führen.

Zu dieser Gesellschaft, zu diesem Deutschland sagen Sie heute ganz bewusst „ja“. Und dieses Land sagt „ja“ zu Ihnen.

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