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Gaucks Rede im Wortlaut : „Zu diesem Deutschland sagen Sie ,ja’“

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Wir wollen nicht, dass Kindergärten aus falsch verstandener Rücksicht auf Sankt-Martins-Umzüge verzichten oder Belegschaften die Weihnachtsfeier in „Jahresabschlussfeier“ umtaufen. Und wer vom Bundespräsidenten eine Weihnachtskarte bekommt, wird weiterhin „Frohe Weihnachten“ lesen und nicht etwa „Seasons greetings“. Wer seine eigenen kulturellen Werte gering schätzt, wird kaum von Anderen Respekt dafür erhalten. Ich wünsche mir einen Alltag, in dem wir das selbstverständlich Eigene achten – und dem Anderen selbstverständlich Raum geben.

Unser Land braucht Einwanderung. Die demographischen und wirtschaftlichen Begründungen sind schon oft und überzeugend vorgetragen worden. Dabei ist klar: Wir können nicht alle aufnehmen, die kommen möchten. Wir haben begonnen, Einwanderung aktiv zu steuern und klare gesetzliche Voraussetzungen für Zuwanderer zu schaffen. Und für jene, die bereits hier leben, sind Wege zu finden, wie sie ihre Potentiale tatsächlich entwickeln und einbringen können. Es ist eine immense Herausforderung für unser gesamtes Bildungssystem, Kindern heutzutage annähernd gleiche Startchancen zu verschaffen, egal, in welchem Stadtviertel und in welche familiäre Situation sie geboren werden.

Um jedes Kind kämpfen

Zwar sind die Eltern in erster Linie verantwortlich: Viele fördern ihre Kinder intensiv, wollen unbedingt, dass ihre Kinder es einmal besser haben. Aber da, wo die Eltern – warum auch immer – ausfallen oder überfordert sind, da können wir den Kindern doch nicht sagen: Pech gehabt! Vor allem in den Großstädten gibt es Milieus – übrigens nicht nur in Einwanderervierteln –, in denen Kinder niemanden haben, der ihnen nachmittags bei den Hausaufgaben helfen kann. Für diese Kinder muss die Schule den Nachteil ausgleichen. Vor allem muss sie das Erlernen der deutschen Sprache fördern. Wir müssen um jedes dieser Kinder kämpfen. Denn es sind unsere Kinder, sie wachsen in unserer Gesellschaft auf, gehen in unsere Kindergärten und Schulen. Es ist unser Erfolg, wenn sie erfolgreich sind, und unser Scheitern, wenn sie scheitern.

Wenn Kinder heute, aus den unterschiedlichen Gründen, immer seltener den Erwartungen entsprechen, die Schulen bisher hatten, dann müssen sich auch unsere Schulen ändern. Es gibt solche, die das in bewundernswerter Weise schaffen, mit aufmerksamen Lehrerinnen und Lehrern, die unterschiedliche Begabungen erkennen, unterschiedlichen Herkünften Rechnung tragen, die Mut machen, Grenzen aufzeigen und Verabredungen mit den Eltern treffen. Tatsache ist aber auch: Es sind noch zu wenige Schulen, in denen all das geschieht und zu viele Lehrerinnen und Schulleiter, die sich alleingelassen fühlen.
Am Ende ist es immer auch ein Ringen um Ressourcen. Kein Weg führt vorbei an der Einsicht: Ein gerechtes Bildungssystem, eines, das Verschiedensein auch als Bereicherung begreift und das den Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft genügt, ein solches Bildungssystem wird Geld kosten – Geld, das gut angelegt ist!

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