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Gaucks Rede im Wortlaut : „Zu diesem Deutschland sagen Sie ,ja’“

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Verfassung als Richtschnur

Eine gute Richtschnur ist unsere Verfassung, die wir heute feiern, am Vorabend des Tages des Grundgesetzes. Sie ist der Grund, auf dem wir einander begegnen – als Bürgerinnen und Bürger, die wir zuallererst sind. Achtung vor der Würde des Einzelnen, Gleichberechtigung, Respekt vor Andersdenkenden und Anderslebenden: Auf diesen Werten und Normen beruht unsere Freiheit. Es sind Werte, die wir über Jahrzehnte eingeübt haben. Ich habe häufig schon erlebt, wie sehr sie gerade von jenen geschätzt und verteidigt werden, die aus Ländern stammen, in denen sie missachtet werden.

Es ist unsere Sache, von Bürgerinnen und Bürgern, für diese Werte einzustehen. Wir verteidigen sie gemeinsam gegen alle, die unsere offene Gesellschaft verachten oder gar gefährden, gegen Feinde der Demokratie, gegen alle Rassisten und Fundamentalisten, gleich welcher Herkunft und welcher Ideologe: „Null Toleranz“ gegenüber jenen, die unseren gemeinsamen Grund der Verfassung verlassen. Wir sind die Vielen. Das müssen wir zeigen. Und wir müssen dazulernen – auch aus dem Erschrecken darüber, wie lange Morde einer terroristischen Gruppe an Einwanderern unentdeckt blieben, weil nur so wenige sahen, woher die Täter kamen.

Innerhalb des Rahmens unserer Verfassung und der Gesetze kann jeder nach seiner Façon selig werden. Unsere Gesellschaft lässt Andere anders sein. Sie hat sogar abseitige Meinungen und Lebensweisen zu ertragen. Und sie ist offen für Veränderungen, sofern diese Veränderungen im demokratischen Prozess ausgehandelt werden. Das ist ihre große Stärke. Gerade eine Einwanderungsgesellschaft ist immer Aushandlungsgesellschaft.

Dafür gibt es viele Beispiele: etwa die Debatten um den Bau von Moscheen, um das Kopftuch im öffentlichen Dienst oder um die Beschneidung von jungen Juden und Muslimen. In manchen Fragen wird kein Kompromiss alle Beteiligten zufriedenstellen und allen Bedenken Rechnung tragen. In anderen Fällen ist Entgegenkommen nicht schwer: Es ist eigentlich kein großer Schritt, die Bestattungsregeln an muslimische Gebote anzupassen – für viele Gläubige aber ein bedeutsamer.

Wunsch nach Anerkennung

Hinter vielen Aushandlungsprozessen steht der Wunsch nach Anerkennung, Gleichberechtigung und Teilhabe. In anderen Aushandlungsprozessen wird nachjustiert, was bisher unzureichend geregelt wurde. Und immer geht es dabei auch um die Frage, welche Veränderungen unsere Gesellschaft akzeptiert. Wir werden solche Auseinandersetzungen immer öfter erleben – aber nicht, weil Integration immer schlechter, sondern im Gegenteil, weil sie immer besser gelingt. Dabei muss niemandem bange sein um das, was unser Land geprägt hat und es noch heute ausmacht. Was deutsch ist, ist nicht leicht zu fassen, und es verändert sich auch. Es sind bestimmte Tugenden und Gewohnheiten, Traditionen und Bräuche, Lieder und Speisen, die Klassiker der Literatur, Musik und Kultur, die uns unsere Vorfahren hinterließen, all das, warum sich jemand deutsch fühlt, spätestens wenn er ins Ausland reist.

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