https://www.faz.net/-gpf-7pmdd

Gaucks Rede im Wortlaut : „Zu diesem Deutschland sagen Sie ,ja’“

  • Aktualisiert am

Das alles war auch für mich ein Lernen, ein Kennenlernen. Ich komme aus Mecklenburg. Dort, wie generell in der DDR, ist man sich bekanntlich ziemlich ähnlich gewesen. Ich habe selbst gemerkt, dass man in wenigen Jahren sein Bild vom „Ich“ und vom „Wir“ verändern kann. Es waren Begegnungen mit Menschen verschiedener Herkunft, die mich verändert haben. Ich traf oft auf Menschen, die beglückt, tatkräftig und zuversichtlich sind, weil sie hier so leben, so lieben und so glauben können, wie sie es wollen. Ich wünschte mir, dieses Lebensgefühl würde von mehr Menschen in Deutschland geteilt.

Und noch etwas. Es gibt ein altes lateinisches Sprichwort: Ubi bene, ibi patria. Frei übersetzt: Wo es mir gut geht, dort ist mein Vaterland. Unzählige Einwanderer sind dankbar, dass ihnen dieses Land Zukunft eröffnet und Rechtssicherheit bietet, und sie in einer rechtstreuen Gesellschaft leben.

Gelassen über Probleme reden

Ich habe also mein eigenes Land neu sehen und seinen Weg verstehen gelernt: Einwanderung wurde zuerst ignoriert, dann abgelehnt, später ertragen und geduldet, schließlich als Chance erkannt und bejaht. Heute weiß ich: Wir verlieren uns nicht, wenn wir Vielfalt akzeptieren. Wir wollen dieses vielfältige „Wir“. Wir wollen es nicht besorgnisbrütend fürchten. Wir wollen es zukunftsorientiert und zukunftsgewiss bejahen.

Vor diesem Hintergrund können wir auch viel gelassener über die Probleme reden, die mit der Einwanderungsgesellschaft auch verbunden sind: Ghettobildung und Jugendkriminalität, patriarchalische Weltbilder und Homophobie, Sozialhilfekarrieren und Schulschwänzer. Ja, es gibt Familien, deren Mitglieder Dauergäste bei Polizei und Justiz sind. Ja, es gibt Milieus, in denen die Hinwendung zur Religion zur Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft führt. Ja, es gibt Einwanderer, die Antisemitismus mitbringen. Ja, es gibt Familien, in denen die Rechte von Frauen und Mädchen missachtet werden. Ja, es gibt reale Befunde, die wir ernst nehmen müssen. Probleme dürfen nicht verschwiegen werden, weil die falsche Seite applaudieren könnte. Gleichzeitig müssen wir aber darauf achten, mit Kritik an diesen Phänomenen nicht ganze Gruppen zu stigmatisieren. Auch gilt es, kulturelle und soziale Ursachen nicht einfach in einen Topf zu werfen. Und statt darüber zu streiten, welche Probleme nun unzulässig dramatisiert oder verharmlost werden, sollten wir unsere Energie lieber darauf verwenden, Probleme zu lösen – gemeinsam, als Anliegen unserer Gesellschaft.

Auf viele Probleme gibt es klare Antworten. Diese Antworten sind auch nicht verhandelbar, denn sie finden sich im Gesetz. Sie gelten, egal, wie lange jemand schon hier lebt. Sie durchzusetzen, ist Sache des Staates. Es kann keine mildernden Umstände geben für kulturelle Eigenarten, die unseren Gesetzen zuwiderlaufen. In anderen Fällen tun wir uns schwerer. Immer wieder werden wir ausloten müssen: Welche Werte sind für ein gelingendes Zusammenleben unverzichtbar? Welche sind verhandelbar? Wo ist Toleranz geboten? Wann wandelt sie sich in Gleichgültigkeit oder wird zur bequemen Kapitulation vor Intoleranz?

Weitere Themen

Die Welt steht in Flammen Video-Seite öffnen

Greta Thunberg : Die Welt steht in Flammen

Die junge Klimaschützerin aus Schweden sagt beim Weltwirtschaftsforum in Davos, es gehe nicht um Parteipolitik. Weder die Rechte noch die Linke noch die Mitte hätten Lösungen für die Klimakrise.

Topmeldungen

Impeachment-Verfahren im Senat : Scheitern mit Ansage

Gut zwölf Stunden dauerte der erste Tag des Prozesses gegen Donald Trump im Senat. Dabei ging es nur um die Verfahrensregeln. Die Demokraten stellten lauter Änderungsanträge. Die Republikaner schmetterten alles ab.
Löst das Welthunger-Problem auch nicht: Ein als Ronald McDonald verkleideter Demonstrant fordert an Eröffnungstag des Weltwirtschaftsforums in Davos, „Eat the Rich“.

Alles Öko? : Tage der Moralisten

„Öko“ regiert Davos und die Grüne Woche: Alle ächzen unter der moralischen Last der Bewegung, nicht einmal die Biobauern atmen auf. Denn wer die Welt ernähren will, hat es schwer, die höchsten ethischen Standards zu erfüllen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.