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Gaucks Rede im Wortlaut : „Zu diesem Deutschland sagen Sie ,ja’“

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Mit diesen Erfahrungen im Hinterkopf sage ich: Die doppelte Staatsbürgerschaft ist Ausdruck der Lebenswirklichkeit einer wachsenden Zahl von Menschen. Es ist gut, dass sie nun nicht mehr als notwendiges Übel oder als Privileg bestimmter Gruppen betrachtet wird. Unser Land lernt gerade, dass Menschen sich mit verschiedenen Ländern verbunden und trotzdem in diesem, unserem Land zu Hause fühlen können. Es lernt, dass eine Gesellschaft attraktiver wird, wenn sie vielschichtige Identitäten akzeptiert und niemanden zu einem lebensfremden Purismus zwingt. Und es lernt, jene nicht auf Abstand zu halten, die schon längst zu uns gehören.

„Es könnte auch eine schwarze Deutsche sein.“

Eine junge Frau aus einer vietnamesischen Familie wird in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien ohne weiteres als Amerikanerin oder Britin akzeptiert. In Deutschland hingegen wird sie mit einiger Wahrscheinlichkeit befragt, woher sie denn „eigentlich“ stamme. Nun ist Neugier nicht verboten. Aber es sollte klar sein, dass solche Fragen auch signalisieren können: „Du gehörst nicht wirklich zu uns.“ Wer auf der Straße eine Schwarze quasi automatisch auf Englisch anspricht, will vielleicht höflich sein, schließt aber zugleich damit aus, dass er eine schwarze Deutsche vor sich haben könnte.

Vor ein paar Wochen saßen hier auf der Bühne im Schloss Bellevue drei Journalistinnen: junge Frauen mit polnischen, vietnamesischen und türkischen Familiengeschichten, allesamt – wie es so schön heißt – „bestens integriert“. Sie sprachen von ihrem Verhältnis zu Deutschland, von zwiespältigen Emotionen. Ich zitiere: „Wut, weil wir das Gefühl haben, außen vor zu bleiben; weil es ein deutsches ‚Wir‘ gibt, das uns ausgrenzt. Und Stolz, weil wir irgendwann beschlossen haben, unsere eigene Identität zu betonen.“ Solche Worte treffen mich, und sie freuen mich zugleich. Sie treffen mich, weil sie bedeuten: Menschen, die hier geboren, aufgewachsen und heimisch sind, fühlen sich immer wieder aufs Neue zu „Anderen“ gemacht.

Ein neues deutsches „Wir“

Das darf nicht sein. Hören wir auf, von „wir“ und „denen“ zu reden. Es gibt ein neues deutsches „Wir“, die Einheit der Verschiedenen. Und dazu gehören Sie genauso selbstverständlich wie ich. Die Worte der drei Frauen freuen mich zugleich, denn ich erkenne dahinter auch Selbstbewusstsein. Sie wollen mitgestalten. Und etwas Besseres kann unserem Land nicht passieren. Denn sie bringen ihre Erfahrungen und ihre Träume mit. Sie erschließen Räume zwischen unterschiedlichen Traditionen und Lebenseinstellungen – und erweitern damit unseren gemeinsamen kulturellen Raum.

Erweiterung ist Kennzeichen der Lebenswirklichkeit in Einwanderungsgesellschaften. Das betrifft Alteingesessene genauso wie Hinzugekommene. Erweiterung umfasst zweierlei: Wenn etwa Konflikte aus Herkunftsländern auch in Deutschland ausgetragen werden, erleben wir Erweiterung als belastend. Aber das Miteinander der Verschiedenen hat uns doch kulturell und menschlich so viel positive Erfahrungen beschert, das wir dafür ganz bewusst das schöne Wort „Bereicherung“ verwenden dürfen.

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