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Gaucks Rede im Wortlaut : „Zu diesem Deutschland sagen Sie ,ja’“

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Heimisch werden dauert. Wer weiß noch, dass gerade die deutschen Einwanderer in Amerika gern unter sich blieben und lange brauchten, ehe sie sich einfügten in der neuen Welt? Heimat zu finden ist eine Sache des Herzens, aber auch eine bewusste Willensentscheidung. Erst hält man Abstand, sucht das Vertraute. Dann kommt man mehr und mehr in Kontakt. Manchmal auch in Konflikt. Und schließlich wächst Gemeinschaft. So geschieht es auch mit denen, die in den vergangenen 65 Jahren zu uns in die Bundesrepublik kamen: als sogenannte Gastarbeiter, als Aussiedler oder Flüchtlinge, als nachgezogene Ehepartner oder jüdische Einwanderer aus ehemaligen Sowjetrepubliken. Rund 16 Millionen Menschen unter uns kennen Einwanderung aus eigener Erfahrung oder als Teil der Familiengeschichte. Vier Millionen sind Muslime.

Lob des Staatsangehörigkeitsrechts

Als längst klar war, dass viele bleiben würden, hieß es noch lange, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Diese Haltung ist weitgehend überwunden – zum Glück, denn sie hat denen, die dazugehören wollten, Beheimatung und Teilhabe erschwert, und sie hat der aufnehmenden Gesellschaft die Illusion erlaubt, sie müsse sich nicht gleichfalls verändern. Inzwischen hat die Politik erkannt, dass es nicht ausreicht, nichts zu tun. In den vergangenen 15 Jahren ist vieles angestoßen worden, was längst überfällig war. Heute kennen wir Integrationskurse, -gipfel, -beauftragte. Und die meisten Menschen sehen den Alltag in der Einwanderungsgesellschaft inzwischen viel pragmatischer und gelassener, als er uns in Talkshows, Boulevardblättern oder Onlineforen begegnet.

Das zeigt das sogenannte „Integrationsbarometer“ des Sachverständigenrats für Migration und Integration, und es weist sogar nach oben. Als Ziel für Zuwanderer wird unser Land immer beliebter – es steht inzwischen auf Platz zwei der Industrienationen, nach den USA und vor klassischen Einwanderungsländern wie Kanada und Australien. Wir können also sagen: Deutschland ist auf einem guten Weg und hat eine große Wegstrecke bereits zurückgelegt. Der größte Schritt war wahrscheinlich 1999 die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts. Neben das ius sanguinis trat das ius soli. Seitdem kann Deutscher werden, wer in Deutschland geboren wurde, auch wenn seine Eltern es beide nicht sind. Inzwischen wächst auch die Gelassenheit, doppelte Staatsbürgerschaften als selbstverständlich hinzunehmen. Einige unter Ihnen, liebe Ehrengäste, werden von heute an zwei Pässe besitzen dürfen.

Ausdruck der Lebenswirklichkeit

Ich habe in den vergangenen Wochen viel mit jungen Menschen gesprochen, die eine Einwanderungsgeschichte haben. Sie bringen aus ihren Familien je eigene Leiden und Prägungen mit, eigene Geschichten und Erfahrungswelten, die auch die Nachfahren noch spüren werden – eine Erfahrung übrigens, die wir innerdeutsch nach 1990 gemacht haben. Wir waren alle Deutsche und trotzdem verschieden. Und so lernen heute viele Kinder und Enkel von Migranten die Sprache und die Lieder ihrer Vorfahren und fühlen sich gleichzeitig im Deutschen daheim. Wenn sie ihre Großeltern in Irkutsk, Izmir oder Isfahan besuchen, kehren sie zurück nach Hause in Kiel, Karlsruhe oder Köln.

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