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Gaucks Nominierung : Mime und Brünnhilde

Wer bezwang die Kanzlerin, nach deren Pfeife ganz Europa tanzen muss? Ein Verzweifelter, dessen Partei um ihr Leben kämpft. Ihr aber geht es um Höheres: ihre Kanzlerschaft.

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          Einen Vorteil hat die Nominierung Joachim Gaucks für die Kanzlerin: Im Falle seines, nach der Vorgeschichte natürlich denkunmöglich gewordenen Scheiterns könnte ihr, anders als bei den beiden Vorgängern, niemand mehr vorhalten, sie habe diesen Kandidaten unbedingt haben wollen. Er ist ihr aufgenötigt worden, was etwas heißen will im Falle einer Frau, nach deren Pfeife derzeit ganz Europa tanzen muss. Wer war der blondgelockte Recke, der Brünnhilde bezwang?

          Eher ein Zwerg Mime als ein Siegfried: der auch politisch schmächtige Anführer einer von der Schwindsucht geplagten Fast-Drei-Prozent-Partei, die um ihr Leben kämpft. Mit dem Mut der Verzweiflung - die Hagens der FDP standen schon im Gebüsch - rang Rösler der Kanzlerin das Ja-Wort ab, dass die Zähne knirschten. Mit allzu großzügiger Überlebenshilfe von Seiten der CDU-Vorsitzenden werden die Freien Demokraten für den Rest der Legislaturperiode nicht mehr rechnen müssen.

          Die Aussichten, vom derzeit reich gedeckten Umfragentisch der Kanzlerin noch ein paar Brosamen zu erhaschen, waren ohnehin gering, was es der FDP erleichterte, einmal so richtig auf den Präsidentenputz zu hauen. In dieser Koalition ist sich schon lange jeder selbst der Nächste. Auch eine „iterativ“ vorgehende Kanzlerin wird nicht vollständig den Gedanken verdrängen können, was dereinst aus ihrer Kanzlerschaft wird, wenn es die FDP nicht wieder in den Bundestag schaffen oder es für Schwarz-Gelb nicht reichen sollte.

          Lieber eine Niederlage als eine vorgezogene Wahl

          Hätte sie wegen eines Bundespräsidenten, der jedenfalls ihre realpolitischen Kreise nicht stören wird, die jetzige Koalition platzen lassen, das Risiko einer vorgezogenen Wahl in von Piraten heimgesuchten Gewässern eingehen und die SPD vor den Kopf stoßen sollen? Das waren dann doch ein paar Unbekannte zu viel für die Machtgleichung der Kanzlerin, die derzeit weiß Gott noch anderes zu managen hat als nur die Krisen ihrer Koalition.

          Da nahm Frau Merkel lieber eine Niederlage hin, die sich zur Not noch so deuten lässt, sie habe sich nicht (allein) dem Willen von Brüderle, Gabriel und Claudia Roth gebeugt, sondern dem angeblichen Wunsch des Volkes. SPD und Grüne könnten sich ohnehin noch wundern, wen sie sich da als Praeceptor Germaniae erkoren haben. Die Kanzlerin, das zeigte sich auch hier wieder, liebt Überraschungen nicht.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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