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Gauck und Merkel : Der Pfarrer und die Pfarrerstochter

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Das anspruchsvolle Physikstudium brachte Merkel „an die Grenzen meiner Erkenntnisfähigkeit“. Es bedeutete aber auch, sich auf eine naturwissenschaftliche Weltsicht beschränken zu können, weitgehend verschont vom System. „Es gab in der Opposition auffällig viele Physiker, das waren Leute, die mit ihrem Studium einen ideologiefreien Raum suchten“, sagt die Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe. Folgerichtig waren es nicht nur Theologen, sondern auch Physiker, die in der Wendezeit eine herausragende Rolle spielten.

Merkel hatte sich eine Nische gesucht, in der sie nicht öffentlich Stellung beziehen musste. Sie hielt sich an die roten Linien. Bei Gauck war das schon anders. Nachdem er durch das Vikariat doch noch in den Pfarrerberuf hineingewachsen war, fiel er schon in den siebziger Jahren durch Kritik am DDR-Regime auf. Als Stadtjugendpfarrer in Rostock geriet er in den achtziger Jahren immer mehr ins Visier der Stasi. Er wurde beobachtet und bearbeitet. 1983 wurde gegen ihn der Operativvorgang „Larve“ eingeleitet. Mitte der achtziger Jahre kam man zu der Erkenntnis, es handele „sich bei Larve um einen unbelehrbaren Antikommunisten, der den Sozialismus/Kommunismus nur als zeitweilige Erscheinung ansieht und sein Amt im feindlich-negativen Sinne missbraucht, um vorwiegend Jugendliche feindlich zu inspirieren und aufzuwiegeln“.

Den Gedanken hatte Merkel zumindest schon einmal gedacht

Als Gauck im Frühjahr 1988 den Kirchentag in Rostock organisierte, waren nach Angaben seines Biographen sieben Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi auf ihn angesetzt. Weil Gauck nicht zur Fundamentalopposition gehörte, ist seit seiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten ein absurder Streit darüber entbrannt, ob ihm das Prädikat eines „Bürgerrechtlers“ zustehe. „Eine sinnlose Debatte“, wie Nooke meint. Gauck, sagt die Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe, habe sich „nie in irgendeiner Weise dem System angedient“. Im Oktober 1989 öffnete Gauck seine Rostocker Kirche für die Protestierenden und stellte sich an ihre Spitze. Angela Merkel machte sich Mitte Dezember auf die Suche nach einer Partei, um sich politisch zu engagieren.

Als 2005 Langguths Biographie der Kanzlerin erschien, war es Joachim Gauck, der das Buch vorstellte. Er habe, so Langguth, Merkel gegen Kritik in Schutz genommen, er schätze sie sehr und sei deshalb auch verletzt gewesen, als Merkel 2010 seine Kandidatur nicht unterstützt habe. Auf ihrer Seite, so kann man mutmaßen, könnte die biographische Nähe zur Abwehr beigetragen haben. Sie könnte neben allem machtpolitischen Kalkül und trotz aller persönlichen Wertschätzung für Gauck einen instinktiven Vorbehalt gegen einen väterlichen Pfarrer im Präsidentenamt hegen.

Jedenfalls war der Name Gauck, den die SPD der Kanzlerin in jener berühmten SMS nach dem Rücktritt Horst Köhlers unterbreitete, keine wirkliche Überraschung. Gauck im Schloss Bellevue - diesen Gedanken hatte sie zumindest schon einmal gedacht. Und zwar vor langer Zeit: Als im Jahr 1999 die Wahl Johannes Raus anstand, mobilisierte die Union eine eigene Kandidatin: Dagmar Schipanski, ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, ostdeutsch, evangelisch und Physikerin. Man stand, so erinnert sich ein Augenzeuge, zusammen mit Merkel, damals CDU-Generalsekretärin, und überlegte, wen man um eine Unterschrift zur Unterstützung von Schipanskis Kandidatur bitten könnte. Es fiel der Name Gauck. „Bei dem traue ich mich nicht“, sagte Frau Merkel, „ich denke, der will es selber werden.“

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