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Gauck und Merkel : Der Pfarrer und die Pfarrerstochter

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Angela Kasner setzte in der Schule alles daran, dem typischen Außenseiterschicksal der Pfarrerstochter zu entgehen. Sie trat, wenngleich wohl ohne innere Überzeugung, der FDJ bei, was die Kasners ihren Kindern freistellten. Auch an der Jugendweihe hätte sie gerne teilgenommen, das aber verbot der Vater. Später, bei den beiden jüngeren Geschwistern, stimmte er zu. „Ich war wirklich keine aktive Widerstandskämpferin“, sagt Merkel über sich. „Aber ich habe, glaube ich, klug agiert und entschieden, mich nicht über die Maßen zu verbiegen.“

Die Ärzte diagnostizierten eine „abnorme Persönlichkeit“

Gauck beschreibt seine Familie als nicht sonderlich religiös, „schlicht norddeutsch protestantisch“. Als Schüler engagierte er sich in der Jungen Gemeinde - obwohl sie gerade in den fünfziger Jahren starken Repressionen ausgesetzt war. Hier wurde über Politik diskutiert und nach dem Sinn des Lebens gesucht. Gauck fühlte sich in einer Gemeinschaft „ehrlicher und gleichgesinnter Menschen“. Nach dem Abitur entschied er sich - wie fünf seiner 28 Klassenkameraden - zum Studium der Theologie, der einzigen Geisteswissenschaft, für die Linientreue nicht vonnöten war. Die Theologie war allerdings Gaucks zweite Wahl. Sein erster Studienwunsch, Germanistik, war abgelehnt worden. Der Schuldirektor hatte befunden, dass sich der Schüler Gauck infolge der Internierung des Vaters „im Stadium kritischer Auseinandersetzung mit der Umwelt“ befinde.

Gauck studierte zunächst nicht mit dem Wunsch, Pfarrer zu werden. Er sah sich selbst nicht als den „Typ des Pastors“: „Schließlich sah ich so schlecht nicht aus, ging gerne aus, war dem weiblichen Geschlecht zugetan und trieb viel Sport.“ Im Studium zeigte er wenig Eifer. Er war frisch verheiratet und bald Vater zweier Kinder, spielte mit Begeisterung Handball und schob die Abschlussprüfung ein ums andere Mal hinaus. Weil er dafür ein Attest brauchte, ließ sich, so schreibt Gaucks Biograph Norbert Robers, „der unkonzentrierte und psychisch labile Wackelkandidat in der Nervenklinik der Universität umfassend untersuchen“. Die Ärzte diagnostizierten eine „abnorme Persönlichkeit“. Der stets nervöse Patient habe Schwierigkeiten, „sich den nötigen Lernzwang aufzuerlegen“.

Angela Kasner war es dagegen in Schule und Studium gewöhnt, durch Leistung zu überzeugen. „Du musst besser sein als alle anderen“, hatte ihr die Mutter stets eingeschärft. Hervorragende Leistungen und hinreichende Anpassung führten dazu, dass die Pfarrerstochter zum gewünschten Physikstudium zugelassen wurde. Anderen Pfarrerskindern, darunter Gaucks Söhnen, blieb dagegen ein Studium, oft sogar das Abitur, verwehrt.

Merkel hatte sich eine Nische gesucht

Ein Theologie-Studium zog die Pfarrerstochter nicht in Betracht. Offenbar erschien ihr der väterliche Weg mit seinen Anpassungen und Widersprüchen nicht erstrebenswert. Der Studienbeginn im fernen Leipzig war ein bewusster Schritt der Abnabelung vom Elternhaus. Die Tochter stand bald in deutlich radikalerer Ablehnung zum System als der Vater. Es habe da immer interessante Diskussionen gegeben, so Angela Merkel. An einen Dritten Weg, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, glaubte sie ebenso wenig wie Gauck.

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