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Gauck und Merkel : Der Pfarrer und die Pfarrerstochter

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Gauck war ein aufmüpfiger Schüler, „großmäulig“, wie er es selbst nennt. Recht und Moral sah er auf seiner Seite. Das Schicksal des Vaters und die eigene Widerständigkeit machten Gauck nicht zum Außenseiter. Im Gegenteil, er wusste die meisten seiner Klassenkameraden hinter sich, die seine Frechheit eher bewunderten, wenn sich auch kaum jemand so offen äußerte wie er. Gauck sieht seine Jugend als eine Schule des Widerstands: Er habe „im Gewand pubertärer Dreistigkeiten“ Schritt für Schritt die Fähigkeit zu Protest und Auflehnung erlangt.

Auf halbem Wege von der Tochter zum Vater

In Gaucks Kindheit war der Vater viele Jahre lang abwesend. Während der ersten Lebensjahre war Kapitän Joachim Gauck senior auf See und im Krieg, erst 1946, kurz vor der Einschulung seines Ältesten, kehrte er aus britischer Gefangenschaft heim. Als der Vater nach Sibirien deportiert wurde, war Joachim elf, bei seiner Rückkehr fast fünfzehn. Vielleicht nicht unbedeutend: Es war der westdeutsche Bundeskanzler Adenauer, dem Gauck die Rückkehr seines Vaters aus dem GULag verdankte.

In den vaterlosen Jahren wurde Gauck zum Vertrauten für die Mutter und zum Vaterersatz für die drei jüngeren Geschwister. Die Verantwortung, die bis heute sein Thema ist, hat er früh getragen. Das väterliche Beispiel lehrte Gauck, dass es möglich ist, dem Druck der Verfolgung standzuhalten. Der Vater sei, so beschreibt es Gauck, nicht als gebrochener Mann, sondern „innerlich frei“ aus Sibirien zurückgekehrt. Zum DDR-System pflegte er eine widerständige Distanz, die er auch deutlich äußerte. „Er war wahrscheinlich der Ansicht, dass ihm, der Stalin und den GULag überlebt hatte, die DDR nichts mehr anhaben könne.“

In Angela Merkels Kindheit war es der anwesende, vielleicht übermächtige Vater, der die Haltung zum System vorlebte. Zur Geschichte von Merkel (Mädchenname: Kasner) und Gauck gehört auch der Vergleich des Pfarrers Kasner mit dem Pfarrer Gauck. Schließlich liegt Gauck, Jahrgang 1940, im Alter genau zwischen den beiden, auf halbem Wege von der Tochter zum Vater.

„Ich habe, glaube ich, klug agiert“

Ob Kasners Entscheidung, 1954 wenige Wochen nach der Geburt der Tochter Angela aus Hamburg in die DDR überzusiedeln, auch Sympathie für das politische System des anderen Deutschlands zugrunde lag - darüber gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls bezog Pfarrer Kasner, der seit 1957 im brandenburgischen Templin das Pastoralkolleg zur Ausbildung junger Theologen aufbaute und leitete, keine systemkritische Position. Kasner zählte zu den Leitern des Weißenseer Arbeitskreises, der sich dezidiert vom Bischof der Berlin-Brandenburgischen Kirche und seinem Konfrontationskurs gegen die SED absetzte und die Spaltung der Berlin-Brandenburgischen Kirche in Ost und West betrieb.

Kasner habe ihm gegenüber einmal erklärt, dass er der eigentliche Erfinder der „Kirche im Sozialismus“ sei, sagt Eppelmann, der im Rahmen seiner Pfarrerausbildung in Templin war. Der DDR-Oppositionelle berichtet, dass Kasner, Spitzname: „der rote Kasner“, von den werktätigen „Arbeiterpriestern“ in Frankreich schwärmte. In Kasners Stasi-Akte ist ein IM-Vorgang angelegt, offensichtlich entzog sich der Pfarrer aber Erpressungsversuchen durch die Stasi, indem er sich dekonspirierte: Er zog wohl seinen Bischof ins Vertrauen.

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