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Gauck und die Linke : Vertraute Fremde

  • -Aktualisiert am

Wiedervereinigt: Gauck mit Linke-Fraktionsvorsitzendem Gysi Bild: Lüdecke, Matthias

Joachim Gauck ist wieder zu Besuch bei der Linkspartei: Wegen der besonderen Geschichte der beiden, der Partei und Gaucks, werden die Delegierten der Linken ihn auch dieses Mal nicht wählen.

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          Der Humor der Linkspartei ist nicht unbedingt Joachim Gaucks Sache. Als Gregor Gysi ihn bittet, vorne am Tisch des Fraktionsvorstandes Platz zu nehmen, verweist Dietmar Bartsch auf das Namenschild: „Schauen Sie mal, was da steht: Joachim Gauck, Die Linke“. Es folgt Gegacker. Das Emblem der Partei steht über dem Namen des künftigen Bundespräsidenten. So etwas gebe es eben nur bei der Linkspartei, ergänzt Gysi, der Gastgeber. Gauck lächelt ein wenig gequält, greift dann aber nach dem Schild, als wolle er sich es als Souvenir mitnehmen. Er wirkt müde, eben erst ist er aus seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern zurückgekommen, wo er sich den Abgeordneten des Landtages vorgestellt hat. Nun ein weiterer Pflichttermin vor seiner Wahl am 18. März. Es ist eine besondere Pflicht.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Gauck, der frühere Beauftragte der Stasi-Unterlagenbehörde, ist am Dienstagnachmittag wieder, wie schon im Sommer 2010, zu Gast bei der Partei, die in diesen Tagen abermals daran erinnert wird, dass sie die SED-PDS-Nachfolgepartei ist. Wegen der besonderen Geschichte der beiden, der Partei und Gaucks, werden die Delegierten der Partei ihn auch dieses Mal nicht wählen. Gauck will mit seinem Besuch bei der Linkspartei dennoch demonstrieren, dass er mit jedem rede, dass er um jede Stimme werbe. Freilich, er macht sich keine Illusionen. Er habe nicht in Frage gestellt, dass es Trennendes gebe, wird er hernach sagen. Das klingt schon sehr präsidial. Dass der künftige Präsident auch mal ganz unpräsidial über die Linkspartei frotzeln kann, hatte er bei seinem Besuch im SPD-Parteivorstand in der vergangenen Woche bewiesen.

          Ein kleiner Coup

          Die Linkspartei wiederum will mit der Einladung von Gauck in die Fraktion demonstrieren, dass ihre Vorbehalte gegen ihn nichts, aber auch gar nichts mit dem Stasi-Komplex zu tun haben, sondern allein mit seiner Kritik an den Hartz-IV-Montagsdemos, an der Occupy-Bewegung und generell mit seinem Freiheitsbegriff zusammenhängen. Obwohl oder gerade weil Gauck diesmal nicht nur der rot-grüne Kandidat in der Bundesversammlung ist, sondern der rot-grün-gelb-und-am-Ende-sogar-schwarze, wollten die Dunkelroten dagegenhalten. Sie wurden - nach dem üblichen internen Ärger zwischen Gesine Lötzsch und Oskar Lafontaine - fündig in Beate Klarsfeld. Ein kleiner Coup: Eine Nazi-Jägerin gegen den DDR-Bürgerrechtler. Deutsche Diktaturgeschichte erster Teil gegen deutsche Diktaturgeschichte zweiter Teil. So sollten sich die üblichen Reflexe der anderen gegen die Linkspartei verbieten.

          Die Linkspartei will mit der Einladung demonstrieren, dass ihre Vorbehalte gegen Gauck nichts mit dem Stasi-Komplex zu tun haben
          Die Linkspartei will mit der Einladung demonstrieren, dass ihre Vorbehalte gegen Gauck nichts mit dem Stasi-Komplex zu tun haben : Bild: dpa

          Umso enttäuschter zeigt man sich, dass die anderen Fraktionen Frau Klarsfeld nicht zum Gespräch einluden. „Es ist eine gute demokratische Gepflogenheit das Gespräch mit anderen Kandidaten demokratischer Parteien zu suchen“, sagte Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, vor Beginn der Sitzung mit Gauck indigniert. Zwischen der Linkspartei und den Grünen gab es in dieser Sache sogar einen Briefwechsel. Bei den Grünen wird Frau Klarsfeld nämlich durchaus geschätzt, doch fand die Kandidatin keinen passenden Termin.

          Neben Scherzen hatte Gysi sich für das „freundliche und respektvolle“ Gespräch (Gauck) noch vorgenommen, den Kandidaten der anderen zu fragen, ob er es immer noch - wie schon bei seiner Kandidatur im Jahr 2010 - richtig finde, dass die Linkspartei vom Verfassungsschutz beobachtet werde. In der Zwischenzeit hatte sich nämlich die Debatte darüber verändert: SPD und Grüne haben mittlerweile Bedenken gegen eine Überwachung von Bundestagsabgeordneten geäußert. Gauck äußert sich nach der Sitzung diplomatisch, aber deutlich: Seine Antwort habe nicht jedem gefallen, sagt er - und Gysi bestätigt dies sogleich. Gauck, das ist herauszuhören, ist nun auch der Kandidat von Schwarzen und Gelben.

          Die Gedanken sind frei, hatte Gauck im Sommer 2010 vor rot-grünem Publikum im Deutschen Theater zitiert. Im Winter 2012, das weiß der Kandidat, sind sie nicht mehr ganz so frei. So taugt Dietmar Bartschs Rat an seine eigene Partei, Gauck solle nach seiner Leistung als Bundespräsident vom 19. März an bewertet werden, auch als Empfehlung an alle anderen Beteiligten.

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