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Gauck trifft Islamwissenschaftler : Ankunft im Alltag der Zumutungen

Verrenkungen und Verschränkungen: Bundespräsident Joachim Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt im Gespräch mit Imam Azab (l.) und Theologieprofessor Khorchide Bild: dpa

Am Zentrum für Islamische Theologie in Münster streitet sich der liberale Professor Khorchide mit dem Verband der Muslime darüber, wie der Koran auszulegen sei. Bundespräsident Joachim Gauck warnt bei seinem Besuch davor, sich in eine Hysterie hineinzudebattieren.

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          Ein-Satz-Formulierungen über Zugehörigkeit seien immer problematisch, „erst recht, wenn es um so heikle Dinge geht wie Religion“, hat der evangelische Theologe Joachim Gauck wenige Wochen nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten gesagt. Gauck distanzierte sich damals ausdrücklich von seinem Vorgänger Christian Wulff und seinem vielzitierten Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“. Er hätte einfach gesagt, „die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“, gab Gauck damals zu Protokoll.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Gut eineinhalb Jahre später wird schon zum Auftakt seines Besuchs der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster deutlich, dass es durchaus schon einen Islam gibt, der zu Deutschland gehört. Denn das besondere Interesse des Bundespräsidenten gilt am Donnerstag dem Münsteraner Zentrum für Islamische Theologie (ZIT), an dem Lehrer für den neuen bekenntnisorientierten Islam-Unterricht an Schulen ausgebildet werden.

          „Ankunft und Anerkennung“

          Und ein erstes protokollarisches Zeichen besonderer Wertschätzung ist, dass dessen Leiter Mouhanad Khorchide gemeinsam mit dem Bundespräsidenten in die Aula der Universität einziehen darf. In seiner Rede spricht Gauck dann von „Ankunft und Anerkennung, Zumutung und Zukunftsgestaltung“. Dass islamische Theologie in Münster und anderen Universitäten Deutschlands eine akademische Disziplin geworden ist, sei ein wichtiges und in vielfacher Hinsicht aufregendes Kapitel deutscher Gegenwartsgeschichte. „Dahinter steckt ein wechselseitiger Akt der Anerkennung: Unsere Gesellschaft wandelt sich, weil ihr immer mehr Muslime angehören - so wie sich der Islam seinerseits im Kontakt mit unserer Gesellschaft entwickelt.“

          Gaucks Worte sind auch für Khorchide persönlich Anerkennung und Genugtuung. Seit Monaten nämlich schwelt zwischen ihm und Muslimverbänden ein vielschichtiger Streit. Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) wirft Khorchide, der in Wien Soziologie und in Beirut islamische Theologie studiert hat, vor, nicht im Sinne der bekenntnisorientierten Religion zu lehren, sondern wie ein Orientalist. In seinen beiden zuletzt veröffentlichten Büchern „Islam ist Barmherzigkeit“ und „Scharia - der missverstandene Gott“ tritt der ZIT-Leiter für eine liberale Neuinterpretation des Islams ein.

          Der Islam als Einladung

          Die Scharia ist für den Islamprofessor kein juristisches System, sondern eine islamische Normenlehre auf dem Weg zu Gott. Somit steht die Scharia auch nicht im Konflikt mit dem Grundgesetz oder den andren Rechtssystemen westlich-europäischer Prägung. Khorchide versteht den Islam als „Einladung“, eine „freundschaftliche Beziehung“ zu Gott aufzubauen, der für ihn kein Herrschergott oder Diktator ist.

          Die islamischen Verbände hatten der Berufung Khorchides an die Universität Münster vor drei Jahren zugestimmt. Doch schon seit Wochen sagt Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, nun, durch Verlautbarungen in Interviews und Büchern zeige sich, dass der Professor von der vereinbarten Linie abkomme. Auch am Donnerstag wiederholt Mazyek parallel zum Gauck-Besuch in Münster seine Sicht der Dinge.

          In einem Internetkommentar wendet er sich gegen eine „assimilierte Islamlehre“ und eine „Theologie an der Mitte der Muslime vorbei“. Khorchide wolle „alleiniger Master islamischer Rechtssprechung“ werden. Zudem bekräftigt Mazyek abermals die Absicht, Khorchide auch fachlich zu demontieren. In Kürze werde der KRM zudem ein Gutachten veröffentlichen, „das ausgewiesene Theologen erstellen, in dem wir sachlich Punkt für Punkt seine sogenannte Theologie der Barmherzigkeit vor dem Hintergrund des reichen Fundus islamischer Geistesgeschichte genauer unter die Lupe nehmen“.

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