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Gauck - Stationen eines Lebens : Vier Jahreszeiten Widerstand

1989 – Gauck spricht im Herbst des Wendejahres während einer Fürbittenandacht in der Marienkirche in Rostock Bild: dpa

Joachim Gauck hat gelernt, sich und seinen Glauben gegen ein totalitäres System zu behaupten. Er überschritt Grenzen, ohne einen Eklat herbeizuführen. Weggefährten schätzten, was ihm auch künftig helfen dürfte: sein Redetalent.

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          In seiner kleinen Montagmorgenandacht sprach der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Mecklenburg auch über Gauck. Er freue sich über dessen Nominierung, sagte Andreas von Maltzahn in seinem Schweriner Amtssitz. Er freue sich, dass ein ehemaliger mecklenburgischer Pastor für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen worden sei. Noch dazu ein alter Bekannter. Er, Maltzahn, habe damals in der evangelischen Schülerarbeit zu Gauck aufgeschaut, seine innere Haltung und seinen Einsatz bewundert. Und seine Reden.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Vor allem für seine Reden wurde Gauck schon immer bewundert. 1940 wurde er in Rostock geboren. Sein Vater war Kapitän, geriet in englische Kriegsgefangenschaft, war dann Hafenarbeiter und wurde 1951 unter fadenscheinigen Gründen verhaftet und zu zweimal 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. 1955 wurde er begnadigt. Gauck wollte Journalistik oder Germanistik studieren - aber da er weder zu den Jungen Pionieren noch später zur Freien Deutschen Jugend gehörte, bekam er dafür keinen Studienplatz. Im blieb nur das Theologiestudium, aber er war sich nicht sicher, ob das überhaupt das Richtige für ihn sei. Er studierte in Rostock. Er heiratete seine Jugendliebe Hansi. Mit ihr hat er vier Kinder, die inzwischen erwachsen sind und von denen keines in der DDR ein Studium beginnen durfte.

          Distanz zum Staat

          Seit 1965 war Gauck im Dienst der mecklenburgischen Kirche. Nach dem Vikariat wurde er 1967 ordiniert und Dorfpastor in der Nähe von Güstrow. Dann bekam er in Rostock eine Pfarrstelle: in der eben erst gegründeten Gemeinde von Evershagen, dem ersten großen Neubaugebiet von Rostock. Nebenbei war er Stadtjugendpfarrer. Von 1982 an kümmerte er sich mit um die regionale Kirchentagsarbeit. Kirchentage der mecklenburgischen Kirche oder auch zusammen mit der pommerschen Kirche waren damals Großereignisse. Die Kirche trat in den öffentlichen Raum, und die Staatsgewalt verfolgte es mit misstrauischem Blick. Kirchentagsveranstaltungen waren überlaufen, weil sie Möglichkeiten für ein offenes Gespräch boten. Gauck habe, erinnert sich etwa der heutige Schweriner Oberkirchenrat Andreas Flade, immer so gesprochen, dass er die Grenzen zu dem, was der Staat hinnahm, stets leicht überschritt, es aber nie zum offenen Affront kommen ließ. Das sei jedes Mal sehr spannend gewesen. Hermann Beste, der von 1996 bis 2007 Bischof in Mecklenburg war, kennt Gauck seit Studientagen. Ein Pastor „mit erstaunlicher Durchsetzungskraft und Beharrlichkeit“ sei Gauck gewesen. Dass Helmut Schmidt 1988 zum Kirchentag nach Rostock gekommen sei und von der Kanzel der Marienkirche herunter gesprochen habe, sei Gaucks Verdienst gewesen. Als Pfarrer habe Gauck zu denen gezählt, so Beste, welche die Linie der Landesbischöfe Heinrich Rathke (1971 bis 1984) und Christoph Stier (1984 bis 1996) unterstützten, möglichst große Distanz zum Staat zu wahren.

          In allen ostdeutschen Kirchen taten sich damals Gräben auf über die Frage, wie viel Anpassung erlaubt und wie viel Widerstand geboten ist, zumal die Antwort nicht nur für die Pastoren, sondern auch für deren Familien erhebliche Folgen hatte - wie es eben auch die Kinder Gaucks erfahren mussten. Sie teilten das Schicksal vieler Pastorenkinder, aber nicht aller. Die Pastorentochter Angela Merkel etwa durfte studieren. Im Unterschied zu Gauck zählte ihr Vater, der im vergangenen Jahr verstorbene Horst Kasner, zu einer unter Bischof Albrecht Schönherr vorherrschenden Strömung in der berlin-brandenburgischen Kirche, die einen Ausgleich mit dem Staat suchte und von einer inneren Nähe zwischen Christentum und Sozialismus ausging.

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