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Gauck geht : Ein ehrlicher Makler

Bundespräsident Joachim Gauck beim Bürgerfest 25 Jahre Deutsche Einheit in 2015 Bild: Patricia Kühfuss

Joachim Gauck war ein Glücksfall für die Republik. Die Parteien sollten angesichts des schärfer werdenden Streits über Schicksalsfragen Deutschlands und Europas alles daran setzen, einen Bundespräsidenten zu küren, über den sich das am Ende seiner Amtszeit auch sagen ließe.

          Bundeskanzlerin Merkel hat den Deutschen nie verraten, warum sie vor sechs Jahren, als „ihr“ Bundespräsident Horst Köhler zurückgetreten war, nicht Joachim Gauck als Nachfolger wollte, sondern lieber Christian Wulff. Auch zwei Jahre später musste sie erst von den anderen Parteien zum Glauben an den Pastor bekehrt werden. Das kann sie in diesem Fall kaum bereut haben. Gauck ist zu einem überaus angesehenen und beliebten Bundespräsidenten geworden. Er machte dem Amt und dem Land Ehre. Nicht allein die Koalitionsparteien wären froh gewesen, wenn er noch einmal angetreten wäre.

          Daran hinderte sie auch nicht, dass Gauck erwartungsgemäß das wurde, was Merkel vielleicht befürchtet hatte: ein politischer, ein unabhängiger Präsident. Auch er mischte sich nicht ins tagespolitische Geschäft ein, das nicht Sache des Bundespräsidenten ist.

          Menschen und Argumente zusammengeführt

          Doch hielt er mit seinen Ansichten nicht hinter dem Bellevue, wenn es um die großen Fragen der Politik und der politischen Ethik ging. Den Völkermord an den Armeniern nannte er schon ein Jahr vor dem Bundestag beim richtigen Namen. Auf der Westerplatte erinnerte Gauck mit Blick auf Putins Russland den Westen daran, dass „territoriale Zugeständnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern“. Und den sich gerne hinter ihrer Geschichte verschanzenden Deutschen mutete der elfte Bundespräsident die Aufforderung zu, dass Deutschland mehr für jene Sicherheit tun müsse, die ihm über Jahrzehnte von anderen gewährt worden sei.

          Polarisiert hat er aber selbst mit seinem Bekenntnis zum Atlantischen Bündnis nicht. Ob Flüchtlingskrise, das Verhältnis zu Russland oder Europa: Gauck führte in seinen Reden Menschen und Argumente zusammen. Er kehrte keinen vernünftigen Einwand unter den Teppich. Bei ihm konnten sich alle ernstgenommen fühlen, ernster als bei vielen Politikern in Regierung und Parlament.

          Keiner brachte das Dilemma der deutschen Migrationspolitik so auf den Punkt wie Gauck mit diesen zwei Sätzen: „Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise übernahm Gauck die Doppelrolle, die Merkel mit ihrem „Wir schaffen das“ weitgehend missglückte: Verständnis zu zeigen für die Sorgen der Deutschen und ihnen gleichzeitig Mut zu machen.

          Den Geist der Zuversicht zu stärken war Gauck immer ein Anliegen. Wie Václav Havel wurde er nicht müde, die Bürger an den Wert der Freiheit und die damit verbundene Verantwortung zu erinnern. Das Pathos, das ihn dabei gelegentlich ergriff, nahm ihm keiner übel, denn auch da hält Merkel die Deutschen ziemlich kurz. Die werden Gauck in Erinnerung behalten als einen ehrlichen Makler zwischen links und rechts, oben und unten, Angst und Hoffnung. Man hörte ihm zu, weil er etwas zu sagen hatte, nicht, weil ihm etwas aufgeschrieben worden war.

          Eigene Fußstapfen nur mit Mühe auszufüllen

          Gauck hinterlässt so große Fußstapfen, dass sie möglicherweise sogar für ihn selbst in einer zweiten Amtszeit nur mit Mühe auszufüllen gewesen wären. Nun gibt es in den Reihen beider Koalitionsparteien gewiss die eine oder den anderen, die/der sich das noch zutraut. Doch wie immer geht es bei der Bundespräsidentenwahl nicht nur darum, wer gewählt wird, sondern auch wer wen wählt. Koalitionen zur Wahl des Staatsoberhaupts zeigten stets auch an, welche Koalitionen im Bundestag bestehen, angestrebt werden oder nicht mehr fortgesetzt werden sollen.

          Kann und will sich die große Koalition auf einen Kandidaten einigen, obwohl es kaum etwas gibt, was die SPD mehr fürchtet als eine abermalige Regierungsbeteiligung unter der ewigen Kanzlerin Merkel? Warum sollte die SPD dann einem Kandidaten der Union, die Union einem der SPD zustimmen? Kann Gabriel den Verlockungen der Linkspartei widerstehen, gemeinsam mit den Grünen (im dritten Wahlgang) zu bestimmen, wer das höchste Amt im Staat einnimmt? Und wie stellen sich die Grünen dazu, wo ein schwarz-grünes Projekt doch die einzige Koalition ist, die der Kanzlerin in ihrer einzigartigen Sammlung erkennbar noch fehlt?

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          Es ist also kein Wunder, dass Merkel, Gabriel und die Grünen die Entscheidung, wer ihrer jeweiligen Meinung nach Gauck nachfolgen soll, „in aller Ruhe“ treffen wollen. Verwiesen wird auf die Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, nach denen die genaue Stimmenverteilung in der Bundesversammlung feststeht. Daran, dass keine Partei den nächsten Bundespräsidenten im Alleingang wählen kann, wird sich freilich nichts mehr ändern. Alle könnten einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken und abwarten, wie sich die Fronten im dritten Wahlgang klären. Oder man einigt sich, weil das in Hinblick auf das nächste Regierungsbündnis alles offen lässt, wieder auf einen überparteilichen Kandidaten, dem alle mehr oder minder begeistert zustimmen können.

          Der Auftrag an die Headhunter, einen Gauck II zu finden, dürfte daher schon mehrfach erteilt worden sein. Gauck I war ein ziemlicher Glücksfall. Die Parteien sollten in diesen Zeiten des Auseinandertreibens und des schärfer werdenden Streits über Schicksalsfragen Deutschlands und Europas alles daran setzen, einen Bundespräsidenten zu küren, über den sich das am Ende seiner Amtszeit ebenfalls sagen ließe.

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