https://www.faz.net/-gpf-82jfi

Debatte über Genozid : Gauck bezeichnet Massaker an Armeniern als Völkermord

  • -Aktualisiert am

Armenische Flüchtlinge aus dem Osmanischen Reich sitzt 1915 in Syrien auf dem Boden. Bild: dpa

Bundespräsident Gauck findet klare Worte: Gleich mehrfach spricht er nach einem Gedenkgottesdienst im Berliner Dom von einem „Völkermord“ an den Armeniern im Osmanischen Reich.

          In seiner Rede über die Massaker an der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich vor hundert Jahren hat Bundespräsident Joachim Gauck gemahnt, die Nachfahren der Opfer dürften „die Anerkennung historischer Tatsachen und damit auch einer historischen Schuld“ zu recht erwarten. Gauck sprach nach einem ökumenischen Gottesdienst, der aus Anlass „der Erinnerung an den Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen“ am Donnerstagabend im Berliner Dom stattfand.

          In der Bewertung der damaligen Ereignisse hielt sich Gauck wörtlich an die Absprachen mit der Bundesregierung und der Koalition, die in deren Bundestagsantrag eingefügt wurden. „Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist“, sagte er.

          Gauck verwandte in seiner Rede den Hinweis auf den Völkermord vor hundert Jahren wörtlich noch ein zweites Mal. Die jungtürkische Ideologie habe im ethnisch homogenen und religiös einheitlichen Nationalstaat „eine Alternative“ zum Neben- und Miteinander der verschiedener Völker und Religionen gesehen. Die Trennung nach Volksgruppen und ethnische Säuberungen hätten zu Beginn des 20. Jahrhunderts „die düstere Seite der Entstehung von Nationalstaaten“ widergespiegelt. Gauck sagte: „Im Osmanischen Reich entwickelte sich daraus eine genozidale Dynamik, der das armenische Volk zum Opfer fiel.“ Er versicherte zugleich: „Indem wir erinnern, setzen wir niemanden, der heute lebt, auf die Anklagebank.“ Zwar sei den Kindern der Täter die Schuld nicht anzulasten. Doch die Opfer dürften „zu recht erwarten“, dass historische Tatsachen anerkannt würden.

          Gauck sprach auch die deutsche Mitschuld an den damaligen Ereignissen an. Deutsche Militärs seien an den Deportationen der Armenier beteiligt gewesen. Das Deutsche Reich habe seinen osmanischen Verbündeten nicht verlieren wollen. Hitler habe 1939 seine Pläne zur Ermordung von Polen mit der rhetorischen Frage „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ versehen. „Wir tun dies, damit Hitler nicht Recht behält.“

          Ähnlich wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier sagte Gauck, die Debatte dürfe nicht „auf Differenzen über einen Begriff reduziert“ werden. Es müsse aber die „planvolle Vernichtung eines Volkes“ anerkannt werden. „Sonst verlieren wir den Kompass für unsere Orientierung und die Achtung vor uns selbst.“ Er freue sich über jedes ermutigende Zeichen der Verständigung zwischen Türken und Armeniern. „Niemand braucht Angst zu haben vor der Wahrheit“, sagte er zum Schluss seiner Rede.

          Weitere Themen

          Ein zweiter Südtiroler in Brüssel?

          Europawahl in Italien : Ein zweiter Südtiroler in Brüssel?

          Die italienischen Grünen spielen bei der Europawahl keine große Rolle – von der Klima-Debatte profitieren sie kaum. In Südtirol sieht die Sache anders aus. Doch dort müssen sich die Grünen einen anderen Vorwurf gefallen lassen – mangelnden Patriotismus.

          Union beendet Europawahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel ist auch da : Union beendet Europawahlkampf

          Beim Abschluss des Europawahlkampfs der konservativen EVP in München ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit von der Partie. Das jähe Ende der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich ist auch hier Thema.

          Topmeldungen

          Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

          Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.
          Regisseur Bong Joon-ho hat mit seinem gesellschaftskritischen Thriller die erste Goldene Palme für Südkorea geholt.

          Blog | Filmfestival : Hochverdienter Gewinner

          Mit „Parasite“ siegt in Cannes ein gesellschaftskritisches Drama mit teils schwarzem Humor aus Südkorea. Zwei Entscheidungen der Jury überraschen allerdings.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.