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Gauck auf dem Kirchentag : Die Freude am Leben

Bundespräsident Joachim Gauck mit der Band «Rosi und die Knallerbsen», in der behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen musizieren, auf dem Kirchentag in Hamburg Bild: dpa

Auf dem Evangelischen Kirchentag in Hamburg hat Bundespräsident Gauck zwei prominente, redefreudige Mitdiskutanten in einem Forum über die Inklusion von Menschen mit Behinderungen - und trägt es mit schmunzelnder Fassung. Beifall gab es dann für alle drei.

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          Bundespräsident Joachim Gauck hatte es bei seinem zweiten Auftritt auf dem Evangelischen Kirchentag in Hamburg nach der Eröffnung nicht so leicht, sich gegen zwei andere Prominente auf dem Podium durchzusetzen. Er nahm es mit einem Schmunzeln und oft mit einem bestätigenden Nicken hin. Neben ihm in einer der Messehallen saßen Samuel Koch, der seit seinem Unfall vor laufenden Kameras in der Sendung „Wetten dass?“ querschnittsgelähmt ist, und Rainer Schmidt, Pfarrer, Entertainer und erfolgreicher Teilnehmer der Paralympics. Die beiden - der eine mit einer angeborenen Behinderung, der andere durch eine schwere Verletzung behindert geworden - hatten viel Lebenspraktisches zu sagen über das Thema Inklusion, das sich hinter dem Titel des Forums „Eine starke Gesellschaft: Was braucht sie? Wie sieht sie aus?“ verbarg.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es begann mit der Frage, wie man einen gelähmten Menschen im Rollstuhl oder einen Mann ohne Unterarme und Hände eigentlich begrüßt. Schmidt wie Koch hoben hervor, was dem Bundespräsidenten sehr gefiel: In solche Situationen seien vor allem sie selbst gefragt, Peinlichkeit zu umgehen, indem sie sagten, was geht und was eben nicht. Das nehme auch dem Gegenüber die Scheu. Schmidt wie Koch berichteten kurzweilig über viele ermutigende Erfahrungen im Umgang mit ihren Behinderungen. Schmidt über seinen Tischtennistrainer, der ihn nicht etwa abgelehnt habe, sondern vielmehr gefragt habe: Was können wir gemeinsam tun, damit du spielen und trainieren kannst. Und Koch setzte hinzu, der Glaube an Gott sei für ihn nach seinem Unfall eine „lebenserhaltende Maßnahme“ gewesen, auch wenn er natürlich in manchen Stunden mit Gott hadere.

          „Man darf sich nicht hängenlassen“

          Auch hob Koch hervor, dass ein Mensch mit Behinderungen sich nicht verstecken dürfe, auch wenn das Hinausgehen aus dem gewohnten, auf ihn zugeschnittenen Umfeld alles andere als leicht sei. Gauck bekam viel Beifall aus der überfüllten Halle, als er von seinem Besuch bei den speziellen „Paralympics“ für geistig Behinderte in München berichtete. Das sei für ihn ein Erlebnis der Lebensfreude gewesen, sagte er. Da springe einen „das Ja zum Leben“ an. Und er setzte präsidial hinzu: „Lebensfreude und Lebensbejahung - das braucht dieses Land.“

          Das Thema Inklusion fasste er dann sehr weit als „Einstellung gegenüber dem Verschiedenen“. Es sei wichtig, von sich selbst etwas zu verlangen, an sich selbst Erwartungen zu richten und das auch klar zu sagen, statt auf fremde Hilfe allein zu vertrauen. Wer sagt, was er wolle, der bekomme in unserer Gesellschaft diese Hilfe auch. „Mit dem Fordern tun wir uns etwas Gutes.“ Das bezog Gauck ausdrücklich auch auf andere Themen als Behinderungen, etwa die Arbeitslosigkeit. Niemand dürfe sich in der Rolle des Opfers einrichten. „Man darf sich nicht hängenlassen, sondern muss seine Chancen nutzen. Dann haben alle etwas davon.“

          Erfolgreiche Arbeitsvermittlung

          Auch dafür bekam der Bundespräsident viel Beifall. Wie schließlich auch für seine Forderungen, bei Inklusion in den Schulen auf die Kompetenz jener Einrichtungen zu setzen, die bislang Behinderte - in welcher Form auch immer - unterrichteten. Inklusion heiße für ihn auch, dass die dort ausgebildeten Fachlehrkräfte jetzt an den Schulen gebraucht würden.

          Wie Inklusion auf dem Arbeitsmarkt funktionieren kann, zeigte auf dem Podium Monika Labruier, die Geschäftsführerin eines in Köln beheimateten „Inklusionsdienstleisters“, der sich darum bemüht, für Behinderte Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Das Unternehmen agiert nach Frau Labruiers Worten nach sieben Jahren Tätigkeit inzwischen derart erfolgreich, dass Arbeitgeber sich von selbst meldeten, wenn sie passende Stellen zu vergeben hätten.

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