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Gastbeitrag von Tobias Hans : Deutsch – eine Frage des Bekenntnisses

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Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlandes, will den Begriff „Kulturnation“ aus dem Programm der Union streichen. Bild: dpa

Wir brauchen einen zeitgemäßen Begriff der Nation. In seinem Gastbeitrag schlägt der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans die „Bekenntnisnation“ vor: Eine Nation, die alle einschließt, die sich zu ihr bekennen – gleich welcher Herkunft.

          Wir müssen wieder über die Nation reden. Zwar stimmt es, dass im Zeitalter der Globalisierung die nationalen Handlungsspielräume eingeengt sind. Richtig ist auch, dass im Zuge der europäischen Integration einstige nationale Souveränitätsrechte auf die Ebene der EU verlagert wurden. Ebenso ist unbestreitbar, dass bestimmte Probleme heute nur noch mit internationaler Kooperation zu lösen sind. Das heißt aber längst nicht, dass der Nationalstaat bereits überwunden und damit obsolet geworden ist. Im Gegenteil: Zentrale Politikbereiche sind in Europa und weit darüber hinaus nach wie vor auf der Ebene des Nationalstaats angesiedelt. Und gerade im Zeitalter von Globalisierung und Migration gewinnt er – so scheint es – an Bedeutung für die politische Identität der Menschen.

          Dies zu akzeptieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, damit tun sich in Deutschland viele erkennbar schwer. Sie meiden diesen Begriff, weil er durch unsere Geschichte belastet ist. Natürlich hängt dies mit jenen schrecklichen zwölf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft zusammen, die wahrlich weit mehr waren als nur ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte. Sie waren ein bis heute unbegreiflicher Zivilisationsbruch, dessen Wesen nicht in seiner zeitlichen Dauer, sondern vielmehr in der Tiefe seiner Abscheulichkeit lag. Deshalb dürfen wir diesen Zivilisationsbruch nie ausblenden, wenn es darum geht, über deutsche Identität nachzudenken. Andererseits wäre es aber auch falsch, diesen Teil unserer Geschichte zum einzigen Bezugspunkt unserer nationalen Identität zu machen. Denn Identitätsbildung ohne positive Anknüpfungspunkte ist wenig erfolgversprechend.

          Gerade die Union sollte dem Begriff Nation nicht aus dem Weg gehen. Die Union bekannte sich vor 1990 immer zur deutschen Einheit und hat gleichzeitig die europäische Einigung mit vorangetrieben. Für die Union war immer klar: Deutsche Einheit und europäische Integration sind zwei Seiten einer Medaille. Dies aus gutem Grund. Denn die Geschichte hat uns gezeigt: Ein Europa der losgelösten Nationalstaaten mit einem starken geeinten Deutschland in seiner Mitte war immer ein instabiles Gebilde. Zwei Weltkriege, die von hier ausgingen, sollten uns Mahnung genug sein, nicht erneut ein solches Experiment zu wagen.

          Was bedeutet Nation im Zeitalter der Globalisierung?

          Genau aus diesem Grund dürfen wir die Definition von Nation und die Identifikation mit der Nation weder den Rechtspopulisten und -extremisten überlassen noch denjenigen auf der linken Seite, für die die Nation Teufelswerk schlechthin ist. Aus diesem Grund müssen wir selbst eine Antwort geben auf die Frage: Was bedeutet Nation im Zeitalter der Globalisierung, der Migration und des geeinten Europas? Darüber müssen wir eine offene, unverkrampfte Debatte führen mit dem Ziel einer zukunftstauglichen Fortentwicklung unseres Nationenbegriffs. Denn zwischen den beiden Extremen Negation und Überhöhung muss es ein Drittes geben, einen Begriff von Nation, der über jeden Verdacht des Völkischen erhaben ist und auch jeder aggressiv ausgrenzenden Färbung abschwört, der aber dennoch imstande ist, eine besondere – auch emotionale – Verbundenheit zu stiften.

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