https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gastbeitrag-von-tobias-hans-die-bekenntnisnation-16223200.html

Gastbeitrag von Tobias Hans : Deutsch – eine Frage des Bekenntnisses

  • -Aktualisiert am

Was wir brauchen, ist ein moderner, zeitgemäßer Nationenbegriff. Hierfür geeignet wäre aus meiner Sicht der Begriff der „Bekenntnisnation“. Dies wäre eine Nation, die alle einschließt, die sich zu ihr bekennen – gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe und welcher Religion; die alle umfasst, die unsere grundlegenden Werte der Menschenwürde und Menschenrechte, der freiheitlichen Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit teilen. Eine Nation, in der die Menschen Verantwortung tragen für das Gemeinwohl und sich einbringen für eine gute gemeinsame Zukunft in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Eine Nation, zu der die Menschen in ungeteilter Loyalität stehen, in der sie Solidarität schenken und empfangen und die zu den guten wie auch schlechten Seiten ihrer Geschichte steht.

Die Bekenntnisnation grenzt sich ab von Nationenbegriffen, die in der deutschen Geschichte immer wieder hervortraten und zum Teil bis heute fortwirken, die für eine zeitgemäße und vor allem zukunftsgerichtete Selbstbestimmung allerdings wenig taugen.

Dies gilt beispielsweise für die Vorstellung von Deutschland als „Kulturnation“. Obwohl bis heute gebräuchlich – etwa in den Grundsatzprogrammen der Unionsparteien –, ist dieser Begriff problematisch. Kulturnation, das bedeutete einst mehr als nur ein Land mit einem reichhaltigen Kulturleben. In der Zeit vor dem Bismarckschen Nationalstaat verstand man darunter die staatlich nicht geeinte Gemeinschaft aller Deutschsprachigen mitsamt ihrer kulturellen Traditionen. Dem folgte die Selbstüberschätzung gegenüber den westlichen Nationen, vor allem gegenüber Frankreich, dem man zwar Zivilisation im Sinne eines seelenlosen Fortschritts, nicht aber Kultur im Sinne des „Guten, Edlen, Schönen“ zuschrieb. In der Gewissheit einer grundsätzlichen moralischen Überlegenheit sah man dazu Deutschland bestimmt. „Deutsche Kultur“ versus „französische Zivilisation“ lautete schließlich der Kampfruf deutscher Intellektueller während des Ersten Weltkriegs.

Die Unionsparteien sollten den Begriff der Kulturnation streichen

Dabei hatte sich die Kulturnation längst aufgemacht, sich notfalls mit Gewalt die entsprechende staatliche Form zu verschaffen – etwa mit der Vereinnahmung Elsass-Lothringens als deutschsprachige Regionen Frankreichs nach dem Krieg von 1870/71, später schließlich mit dem Anschluss Österreichs zu „Großdeutschland“. Wir sollten uns heute nicht darauf verlassen, dass ähnlich lautende Visionen für alle Zeiten ausgeträumt sind. Die Vorstellung von einer deutschen Kulturnation würde dem jedenfalls Vorschub leisten. Die Unionsparteien sollten aus diesen Gründen den Begriff der Kulturnation aus ihren Programmen streichen, dies zumal, wenn sie sich in der Tradition der Aufklärung mit universell gültigen Menschenrechten sehen.

Ein zeitgemäßer Nationenbegriff sollte vielmehr von den Menschen her gedacht sein, die sozusagen bewusst und willentlich gemeinsam die Nation bilden. Dies ist auch das Modell, das der französische Denker Ernest Renan, ein früher Beförderer der deutsch-französischen Partnerschaft im 19. Jahrhundert, beschrieb, als er sich die Frage stellte, was eine Nation ausmacht: „Es ist nicht das Blut, es ist nicht die Abstammung, sondern man muss sich dazu bekennen, man muss Franzose sein wollen ... Es ist die gemeinsame Geschichte und vor allem die gemeinsame Erinnerung an diese Geschichte.“

Weitere Themen

Besser als Medizin

FAZ Plus Artikel: Juristenausbildung : Besser als Medizin

Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts ruft dazu auf, in der juristischen Ausbildung mehr auf kommunikative Fähigkeiten, die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, die Grundlagenfächer und die Methodenlehre zu achten.

Topmeldungen

„Der Kunde ist König“ gilt schon lange nicht mehr. Dienstleister wollen oft sogar eher abschrecken.

Marktwirtschaft : Warum der Kunde nicht mehr König ist

Immer mehr Dienstleister konzentrieren ihre Kreativität darauf, mögliche Abnehmer zu vergraulen. Sie haben dafür gute Gründe, denn nicht nur die Pandemie verändert die Situation. Gerade der Personalmangel macht ihnen zu schaffen.