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Russlands Medienoffensive : Der Zweifel als Propagandawaffe

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Dabei kann man Moskaus Vorgehen sogar als ebenso raffinierte wie zynische Antwort auf postmoderne Theorien des „dekadenten Westens“ verstehen, die die Begriffe wie Subjekt, Vernunft und Wahrheit „dekonstruieren“, also in Einzelteile zerlegen wollten. „Anything goes“ lautete die Parole in den achtziger Jahren, alles geht, alles ist erlaubt. Nichts ist definitiv.

Planvolle Dekonstruktion der Wahrheit

Für Putins Regime ist die planvolle Dekonstruktion aller Gewissheiten in diesen Kriegstagen ein probates Mittel, alte Mythen zu platzieren, Verantwortung zu leugnen und alle Schuld anderen aufzuladen. Sein Rache- und Eroberungsfeldzug in der Ukraine ist ein einziges Versteckspiel, ein Verwirrspiel im Namen seiner chauvinistischen Machtansprüche. Der wirkmächtigste Mythos dieser Strategie ist die Erzählung von der perfiden Einkreisung, ja Umzingelung Russlands durch den Westen. Russland, das Opfer, der Westen als Aggressor.

Dieser kafkaeske Nebel verbreitet sich auch in warmen Berliner Talkshow-Studios, in denen selbst ehemalige Kanzleramtsminister die Legende zum Besten geben, „Fehler des Westens“ wie mangelnde Sensibilität gegenüber den Sicherheits- und Prestigebedürfnissen des größten Landes der Erde hätten den tief gekränkten Herrscher im Kreml erst zu seinem gewiss problematischen Handeln veranlasst.

Ein wahrer Tiefpunkt journalistischer Selbstaufgabe war das unterwürfige Interview von Hubert Seipel mit Wladimir Putin, das in im vergangenen November in der ARD ausgestrahlt wurde. Hier hatte die reaktionäre Gegenaufklärung im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens Namen und Gesicht bekommen. Das wahre Problem besteht jedoch darin, dass sich auch mildere Formen dieser Kultur intellektueller und moralischer Kapitulation zunehmend ausbreiten.

Viele von jenen etwa, die eben noch das zusammenwachsende Europa als historische Utopie gefeiert haben, reden nun von Russland als unserem „Nachbarn“, ohne und gegen den „es nicht geht“.

Mag sein, aber zwischen der Elbe und der Moskwa liegen, zumindest derzeit noch, Polen, Tschechien, die baltischen Staaten, Weißrussland und die Ukraine. Es scheint, als lebten nicht wenige Zeitgenossen noch in den frühen vierziger Jahren, als Hitler dieses östliche „Zwischeneuropa“ zum Raum ohne Volk erklärte, um es dann zum Aufmarschgebiet gegen die Sowjetunion zu machen.

Geografisch verzerrte Perspektive

Zu dieser nicht nur geografisch verzerrten Perspektive tragen übrigens all jene Talkshows und Sondersendungen bei, die so gut wie nie polnische, gar ukrainische oder baltische Gäste einladen. Dann doch lieber Katja Kipping.

Das ist freilich kein Zufall: Die hart erkämpfte Freiheit osteuropäischer Staaten gilt hierzulande nicht viel. Sie wird gleichsam als Nebenereignis des Berliner Mauerfalls registriert, das man längst abgehakt hat. Wenn es um die Haltung gegenüber Russland, ihrem einstigen Peiniger geht, werden sie vorzugsweise als Störenfriede wahrgenommen, als uneinsichtige Hardliner.

Die konkrete Angst vor der neorussischen Expansionspolitik wird dabei vollkommen ausgeblendet. Dabei ist die entscheidende Frage: Wie viel ist uns unsere Freiheit wert, an die wir uns schon so sehr gewöhnt haben, dass wir uns die Notwendigkeit ihrer Verteidigung, im allerschlimmsten, buchstäblich „undenkbaren“ Fall auch mit Waffengewalt, überhaupt nicht mehr vorstellen können? 

 Es ist erst wenige Wochen her, dass wir alle, nicht wenige mit Tränen in den Augen, „Je suis Charlie!“ gerufen haben. Sind wir das wirklich?

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