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Russlands Medienoffensive : Der Zweifel als Propagandawaffe

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Derart feinsinnig sind die unermüdlichen Medien-Kritiker, unter ihnen Fachkräfte wie Sarah Wagenknecht, wenn sie in der ARD eine „einseitige“, offenbar zu wenig prorussische Ukraine-Berichterstattung entdeckt zu haben glauben.

Vorauseilende Angst beim ZDF

Die kann man dem ZDF weiß Gott nicht ankreiden. Dort geht man derart zurückhaltend und sensibel mit den Fakten des unerklärten russischen Krieges um, dass sie überhaupt nur mit Mühe zu erkennen sind.

Berechtigte professionelle Zweifel an Bildern und Nachrichten scheinen immer mehr einem Imperativ vorauseilender Angst zu gehorchen, ungeschönte Informationen, zum Beispiel über die direkte Steuerung des Krieges durch russische Spezialkräfte, die ständig massiven Waffennachschub ordern, könnten zur „Eskalation“ der Lage beitragen.

Politische Korrektheit, als journalistische Skepsis getarnt. In Wahrheit hat sie eher mit Feigheit als mit kritischer Selbstreflexion zu tun. Wenn es um das 70-jährige Jubiläum der Befreiung von der Nazi-Herrschaft geht, singt man dann wieder das Hohelied von Mut und Zivilcourage und interviewt neunzigjährige Zeitzeugen, Überlebende des Holocaust.

Unversehens ist die großartige menschliche Gabe des Zweifels und der Skepsis, des kritischen Denkens und der Vernunft, ohne die es weder Sokrates noch Voltaire gegeben hätte, zum Instrument, ja, zur Waffe einer obskuren, ressentimentgeladenen, dazu noch schlechtgelaunten Gegenaufklärung geworden, die wahrlich keine fröhliche Wissenschaft ist.

Putins dreiste Propaganda-Maschinerie

Sie reicht von Putins dreister Propagandamaschinerie bis zu Pegida, von Jakob Augstein bis zur heute-Show im ZDF, in der Putin allenfalls vorgehalten wird, dass er die Nato auf den Plan gerufen hat. Aber klar doch: Der Westen ist an allem Schuld, selbst noch an den Verbrechen seiner Gegner. Hier gibt es keine „kommunikative Rationalität“ à la Habermas mehr, keine „Geltungsansprüche“ von Argumenten, die im „herrschaftsfreien Diskurs“ geklärt werden könnten. Stattdessen regieren Verdacht, Misstrauen und Desinformation.

So war es auch schon nach den Terrorattentaten vom 11. September 2001 in New York, als dicke Bücher mit unzähligen Fragen geschrieben wurden, die nur ein Ziel hatten: Die „offizielle“ Version von der islamistischen Al-Qaida-Attacke mit Hilfe absichtsvoll gestreuter Zweifel unglaubwürdig zu machen.

Keine Spekulation war zu abseitig, um sie nicht als Indiz für die These zu benutzen, dass amerikanische und israelische Geheimdienste die wahren Täter sein könnten. Dass Autoren dieser populären Machwerke nun beim Berliner Ableger von „Russia Today“ (RT) gern gesehene Interviewpartner sind, versteht sich von selbst.

Mühelos gelingt es auch den notorischen Welt(ver)zweiflern im anderen Komödienstadl des ZDF unter dem Namen „Die Anstalt“, jeden Hauch von Kritik an der Putin‘schen Despotie, überhaupt: an russischen Verhältnissen zu vermeiden.

Mit traumwandlerischer Sicherheit landet alles Elend der Welt bei Angela Merkel und ihren alliierten Kriegstreibern von Hochfinanz und Atlantikbrücke. Das Ganze ist die unfreiwillige Selbstkarikatur eines Kabaretts, das nur noch affirmative Ideologie produziert – Propaganda fürs gesinnungstreue Publikum. Gottlob ist hier das erste Opfer nur der Witz.

Wenn sich der antiwestliche Rundum-Zweifel als routinierte Attitüde erst einmal etabliert hat, beginnt das Denken, das sich selbst nicht ernst nimmt, zur leeren, beliebig verwendbaren Hülse zu werden. Das so entstehende geistige Niemandsland passt hervorragend zu den Erfindungen der russischen Propaganda, die versucht, den Platz einzunehmen, den die intellektuelle Selbstaufgabe im Westen hinterlässt.

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