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Auschwitz : „Dies hätte nie geschehen dürfen!“

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Ein Ort des Grauen und des Todes: Häftlinge nach der Befreiung im deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im Januar 1945. Bild: © epd-bild/akg-images

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz müssen wir uns gegen alle Tendenzen entschieden wehren, die Antisemitismus, Rassismus oder andere Formen der Menschenfeindlichkeit wieder salonfähig machen wollen. Ein Gastbeitrag.

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          Auch 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz beschreiben Besucher die Wirkung dieses Ortes als sprachlosmachendes Entsetzen. Es ist eine Sprachlosigkeit, die durch das nahe Verstummen der letzten Zeitzeugen eher größer als kleiner zu werden scheint. Dabei haben die Schoa, die Ermordung von sechs Millionen Juden, und die Lehren, die wir daraus ziehen, eine grundlegende Bedeutung für unser Selbstverständnis als Bürger dieses Staates.

          Auschwitz prägt, was wir heute unter Menschlichkeit und einer menschlichen Gesellschaft verstehen. Es bleibt darum eine vordringliche Aufgabe, die Erinnerung in das Gedächtnis unserer Gesellschaft und unserer Glaubensgemeinschaften zu integrieren. Auf diese Bedeutung möchten wir mit unserem gemeinsamen Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau Anfang August aufmerksam machen.

          Wie können wir umgehen mit der Sprachlosigkeit und Fassungslosigkeit, die das Verbrechen der Schoa bis heute in uns auslöst? Auf der einen Seite steht die Monstrosität der Schoa, die für den menschlichen Verstand kaum zu begreifen ist. Auf der anderen Seite steht der Auftrag, sich an das Grauen dieser Verbrechen zu erinnern. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann dazu beitragen, dass sie sich nicht wiederholt.

          Erinnern bedeutet, sich mit Auschwitz auseinanderzusetzen, mit seiner Geschichte, den Opfern, aber auch mit den Täterinnen und Tätern, unseren eigenen Familiengeschichten und mit uns selbst. Für Christen und Christinnen beinhaltet das die schmerzhafte Erkenntnis kirchlichen Versagens, wie Martin Niemöller sagt: „Es handelt sich eben nicht darum, dass wir als Kirche in der Vergangenheit dies und das falsch gemacht haben, es handelt sich nicht um Fehler, sondern wir haben grundsätzlich das uns aufgetragene Amt in Ungehorsam versäumt und sind damit schuldig geworden.“

          Josef Schuster ist Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland
          Heinrich Bedford-Strohm ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

          Im Zentrum der jüdischen wie auch der christlichen Tradition steht eine Erinnerungskultur, welche die eigene Existenz aus der Geschichte begreift und sie als Geschichte mit Gott deutet. Die Flucht aus Ägypten, das babylonische Exil, die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, aber – im christlichen Kontext – auch das Kreuz Christi gehören zu den Grunddaten zweier Gedächtniskulturen. Das Gebot zum Erinnern („Sachor“) ist zentraler Bestandteil des Judentums, so wie das Gebot Jesu: „Dies tut zu meinem Gedächtnis!“, den Kern des zentralen christlichen Ritus im Abendmahl bildet.

          Dabei geschieht das sehr verschieden aufgrund der so gegensätzlichen Erfahrung mit der Schoa. Denn es darf nicht vergessen werden, dass Auschwitz zwischen uns als Christen und Juden steht. Das Wissen, dass unsere Angehörigen an diesem schrecklichen Ort waren, betrifft und berührt uns beide auf gänzlich unterschiedliche Weise. Die Geschichte von Auschwitz ist auf eine geradezu gegensätzliche Weise unsere Geschichte als Juden und Christen. Das macht ein gemeinsames Erinnern so schwierig. Im stillen Gedenken zusammen an diesem Ort zu stehen ist etwas, was wir von christlicher Seite als ein unverdientes Geschenk empfinden.

          Wir erleben heute, dass die Entmenschlichung und der dadurch beförderte Hass, der Auschwitz möglich gemacht hat, nach 1945 nicht verschwunden ist. Er kehrt mit einer erschreckenden Macht zurück, aus der Tabuisierung in den öffentlichen Raum. Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus sind wieder an der Tagesordnung. In den sozialen Medien versprühen Hasser ihr Gift: Sie leugnen und relativieren den Holocaust. Sie bedrohen, beleidigen und beschimpfen all jene, die nicht ihrem Menschenbild entsprechen. Wozu dieser Hass führen kann, haben uns die Attentate von Halle und Hanau sowie der Mord an Walter Lübcke deutlich vor Augen geführt.

          75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz rücken die Geschehnisse in immer weitere Ferne. Nur vier von zehn Schülern wissen, wofür Auschwitz steht. Auf deutschen Schulhöfen ist „Du Jude“ eine gängige Beschimpfung geworden. Jüdinnen und Juden sind mit einem zunehmend unverhohlenen Antisemitismus konfrontiert. Wissen über das Judentum und jüdisches Leben, über das Christentum, seine Wurzeln und das jüdisch-christliche Verhältnis ist daher essentiell. Es wirkt wie eine Impfung gegen Judenhass.

          Am Ende der gemeinsamen Reise nach Auschwitz werden wir hoffentlich heimkehren mit einer Erfahrung, die wir als Juden und als Christen unterschiedlich erleben, die uns zugleich aber verbindet. Dem Andenken an die Schoa und der schuldhaften Verstrickung der Kirchen einen Platz in unserer Erinnerung zu geben heißt, sie im kirchlichen Selbstverständnis zu verankern. Gleichzeitig müssen wir uns gegen alle Tendenzen entschieden wehren, die Antisemitismus, Rassismus oder andere Formen der Menschenfeindlichkeit wieder salonfähig machen wollen. Wir bilden eine Verantwortungsgemeinschaft, die gemeinsam alles dafür tun muss, damit das, was nie hätte geschehen dürfen, auch in ähnlicher Form nie wieder geschieht.

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