https://www.faz.net/-gpf-939tl

Multireligiöses Deutschland : Nichtchristliche Feiertage sind ein Irrweg

  • -Aktualisiert am

Die prunkvoll verzierte Aufbewahrungsbox für einen Teil des traditionellen jüdischen Gebetsriemens liegt in der Westend-Synagoge in Frankfurt am Main Bild: dpa

Wer staatliche Feiertage für Muslime, orthodoxe Christen oder Juden hierzulande einführen will, begeht einen Fehler. Ein Gastbeitrag.

          Die derzeitige Diskussion über die Einführung nichtchristlicher staatlicher Feiertage in Deutschland entfremdet mich von meinem Selbstverständnis, in der Diaspora zu leben. Ich bin ein Jude in einem christlichen Land. Selbst wenn Deutschland ein säkularer Staat ist, machen wir uns nichts vor: Das Grundgesetz hat die Trennung zwischen Staat und Kirche nie gänzlich vollzogen. Jeder, der Staatsrecht I gehört hat, weiß um den Reichsdeputationshauptschluss, um Artikel 140 des Grundgesetzes und die „dazugehörigen“ Artikel 136 bis 141 der Weimarer Verfassung. Das nicht vollständig aufgelöste Spannungsverhältnis macht den Reiz der Beziehung Deutschlands zu seiner dominierenden Religion, dem Christentum, aus.

          Besonders deutlich wird das am diesjährigen Reformationstag, dem 31. Oktober. Dass es aus Anlass der 500-Jahr-Feiern der Reformation einen nationalen Feiertag gibt, ist für mich nur folgerichtig, denn ich lebe als Jude gern in einem christlichen Land. Dass das einen Zielkonflikt zu meinem historisch-komplexen jüdischen Verhältnis zu Martin Luther bedingt, werde ich schadenfrei überstehen.

          In diesem christlichen Deutschland versuche ich, an hohen Feiertagen in die Synagoge zu gehen, an Yom Kippur Max Bruchs Kol Nidrei (du Pré/Barenboim) zu hören und zu fasten. In der Familie feiern wir freitags Schabbat: Wir haben einen Hefezopf, unsere Challe; meine Frau spricht das Gebet und zündet die beiden Kerzen an; wir geben einander und den Kindern einen Kuss und wünschen uns gegenseitig „Schabbat Schalom“. Sind meine Eltern zu Gast, sagt mein Vater auf Jiddisch „Gut Schabbes“. Wir Männer tragen dann eine Kippa. So läuten wir das Wochenende ein, und es folgen Schwimmunterricht, Einkauf auf dem Markt und Besuch von Freunden, zumeist Christen.

          Das heilige jüdische Gebot „Nächstes Jahr in Jerusalem“ – bashana haba’a – ist in diesen Augenblicken für mich persönlich eine Utopie. Denn mein „Schabbat Schalom“ bezieht sich auch auf die Möglichkeit, in einer Gesellschaft meiner Wahl leben zu können, und dazu gehört neben dem friedlichen Dasein in einer mehrheitlich christlichen Gesellschaft auch die einzigartige Note, als Jude in Deutschland zu leben, die nie ganz verhallen wird. Zugleich kokettiert der Jude in der Diaspora auch mit seinem schlechten Gewissen. Das ist ein wenig wie in jenem Witz, in dem es heißt: „Elohim, recht hast du, ich muss nach Zion. Nächstes Jahr, bashana haba’a. Lass mich noch ein paar gute Geschäfte mit den Gojim machen.“

          Das Leben in Zion, in einem von Juden dominierten Land, würde mir vielleicht ermöglichen, ein Wir-Gefühl zu entwickeln. Ich könnte patriotisch gegenüber einem bestimmten historisch gewachsenen Konstrukt empfinden – bestenfalls mit einer der deutschen Schicksalsgemeinschaft analogen Idee als kleinstem gemeinsamen Nenner.

          Das aber ist für mich nicht möglich. Ich kann mich nicht zu hundert Prozent mit einem bestimmten Land identifizieren, da ich die Last der metaphysischen Heimatlosigkeit mit mir trage, seit ich denken kann. Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? – Diese Fragen bedingen nicht nur jenen sinnbildlich gepackten Koffer, sondern vor allem auch jene früheste Selbstreflexion, auf die der Nationalstaatsdiskurs keine Antworten geben kann. Ähnlich empfinden mit Sicherheit auch Kinder von Griechen, Türken, Arabern und anderen Ein- und Zuwanderern nach Deutschland. Uns alle verbindet das intrinsische Wissen, nicht ganz dazuzugehören – und vielleicht auch nicht ganz dazugehören zu wollen, da wir dieses Weniger auf der nationalen Ebene zugleich als ein Mehr auf der kosmopolitischen Ebene empfinden dürfen. Darin liegt für mich der Charme einer weltoffenen Gesellschaft.

          Wenn nun die Diskussion aufkommt, muslimische und als Nächstes vielleicht jüdische oder griechisch-orthodoxe oder buddhistische Feiertage in gewissen Gebieten Deutschlands einzuführen, dann schwächt das just jene selbstbestimmte Entscheidung, in der Diaspora zu leben beziehungsweise zu bleiben. Ein Jude in Deutschland käme nicht auf den Gedanken, Yom Kippur in Berlin-Charlottenburg oder in Frankfurt-Westend als Feiertag zu fordern. Denn das würde bedeuten, dass die Akzeptanz individuellen jüdischen Lebens innerhalb einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft geringer geschätzt wird als deren staatsrechtliche Entfaltung.

          Und das würde wiederum zur Folge haben, dass Forderungen an die Religiosität des Einzelnen gestellt werden können. Gäbe es offizielle jüdische Feiertage in Deutschland, dann wäre es leichter, Juden, die an Yom Kippur nicht fasten wollen, als schlechte Juden anzuprangern, die freitags keinen Schabbat feiern, oder die – wie wir – die Schabbatruhe nicht halten. Entsprechendes gilt für muslimische Feiertage und schlechte Muslime. Beides wäre ein Irrweg in einem mehrheitlich säkularen Staat, dessen Fundamente die Würde, die Freiheit und die Selbstentfaltung des Einzelnen heißen.

          Der Autor ist Schriftsteller und politischer Berater in Berlin.

          Weitere Themen

          Woidke will Ministerpräsident bleiben Video-Seite öffnen

          Brandenburg : Woidke will Ministerpräsident bleiben

          Seit sechs Jahren ist Dietmar Woidke Ministerpräsident von Brandenburg. Das möchte der 57-jährige SPD-Politiker auch bleiben. Und das, obwohl die Umfragewerte für die Sozialdemokraten alles andere als günstig aussehen.

          Topmeldungen

          Finanzminister Scholz will den Soli zurückschrauben. Aber nicht für Sparer.

          Trotz Reform : Viele Sparer müssen weiter Soli zahlen

          Für die meisten Bundesbürger soll der Solidaritätszuschlag ab 2021 entfallen, sagt Finanzminister Scholz. Was er verschweigt: Für den Großteil der Sparer und Anleger gilt das nicht – und das sind nicht nur Großverdiener.
          Der Zusammenschluss von Car 2 Go und Drive Now ist ganz offensichtlich ein Eingeständnis des Scheiterns.

          Auch Mazda steigt aus : Carsharing fährt gegen die Wand

          Es soll eine Lösung für urbane Mobilität sein: Doch Carsharing rechnet sich nicht. Und nicht nur das: Die Autos kämen oft auch verdreckt oder beschädigt zurück, klagen die Anbieter. Jetzt gibt auch Mazda auf.

          Klimaaktivistin in Amerika : „Greta ist das Böse“

          Greta Thunberg wird in den Vereinigten Staaten nicht nur von begeisterten Aktivisten empfangen. Auch die Lobbyisten aus dem Lager der Klimawandel-Leugner laufen sich schon warm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.