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Gaschkes Rücktritt : Auf der Strecke geblieben

Fehler zugegeben: Die Kieler Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke (SPD) am 30. September 2013 im Rathaus von Kiel Bild: dpa

Susanne Gaschkes Scheitern in Kiel ist nicht das Scheitern einer gutwilligen Seiteneinsteigerin an der bösen Politik. Sie hat als Journalistin längst Politik gemacht und dabei auch kräftig ausgeteilt. Nur Einstecken konnte sie nicht wie eine Politikerin.

          Man muss nicht alles bitter ernst nehmen, was Susanne Gaschke gesagt hat – bei ihrem Rücktritt vom Amt der Oberbürgermeisterin und in ihren Reden auf dem Weg dorthin. Man kann es auch mit Humor betrachten. Denn wenn man es ernst nähme, wäre es wirklich bitter. Es kommt vor, dass Politiker die Politikverdrossenheit schüren, wenn sie gescheitert sind oder einfach verloren haben. Gibt ja auch Schachspieler, die lieber gleich alle Figuren vom Brett fegen als nur den König zu kippen, wenn das Matt nicht mehr abzuwenden ist. Die meisten führen sich nicht so auf. Und selbst unter den Hitzköpfen gab es noch nicht viele, die dermaßen auf den Quark geklopft haben wie Susanne Gaschke. Aber wie heißt es doch? Quark happens. Und geklopfter Quark wird breit, nicht stark.

          Trotzdem steigt auch über dieser Affäre wunderbar der weiße Nebel auf – das sind die sogenannten Schlussfolgerungen, die man (wie bei Tebartz-van Elst) angeblich aus dem Skandal, in Wahrheit aber einfach aus der Tasche zieht. Im Fall Gaschke über sogenannte Seiteneinsteiger, die als wohlmeinende Karpfen im Hechtteich nur ein paar Runden drehen wollten. Gute Journalistin scheitert an der bösen Politik. Und so schleicht sich wieder diese selbstgefällige Deutung ein. Doch Politik ist nicht das andere. Politik, das sind wir.

          Seit der Jugend in der SPD verwurzelt

          Gaschke hat gesagt, sie habe nicht mehr Journalistin, nicht mehr Schiedsrichterin sein wollen: sondern selber mitspielen. Jetzt beklagt sie sich über das Spiel. Aber sind Journalisten tatsächlich Schiedsrichter? Es hat sie keiner dazu berufen. Schiedsrichter können sie nicht sein, nicht einmal, wenn sie es wollen. Oder sich einreden. Gaschke kann man nicht abnehmen, dass sie Schiedsrichterin sein wollte; sie war immer eine wilde, kämpferische und meinungsfreudige Journalistin. Wie eine Unparteiische hat sie sich nicht aufgeführt. Das wird auch nicht verlangt.

          Sie war aber auch keine Seiteneinsteigerin. Susanne Gaschke ist Mitglied der SPD, seit Jugendjahren in der Kieler Sozialdemokratie verwurzelt – und sie hat immer, zumindest immer wieder, auch als Journalistin, in Schleswig-Holstein Politik gemacht. Zusammen mit ihrem Mann, dem Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels, hat sie für politische Ideen und gegen Personen gefochten, wie das nun einmal so ist in der Politik. Da gab es verschiedene Gegner, manche, etwa der damalige Landtags-Fraktionsvorsitzende Gert Börnsen, blieben auf der Strecke. Andere nicht: vor allem Ralf Stegner, der Parteivorsitzende. Seinen Aufstieg hat Gaschke zu verhindern und später seinen Untergang herbeizuführen versucht. Darüber, dass es nicht geklappt hat, schimpfte sie dann in der „Zeit“. Sie hat also die institutionellen Vorteile des Journalistenstandes genutzt. Man kann gleichsam aus dem Forsthaus fröhlich auf die Tiere des Waldes schießen. Zum Beispiel auf Bären.

          Was das alles bedeutet? Nichts!

          Was bedeutet das alles im Hinblick auf Seiteneinsteiger in der Politik? Eigentlich: nichts. Wer aus dem Forsthaus auf Bären schießt und dabei auch schön ins Knie trifft, sogar noch mehrfach – der sollte zumindest ahnen, was auf ihn zukommt, wenn er auszieht und in den Wald umsiedelt. Wo Teddy immer noch herumhinkt. Also doch wohl mindestens Gelegenheit, dazuzulernen. Vor allem sollte so jemand verdammt vorsichtig sein. Und deshalb geht es bei Gaschkes doppelt fehlerhafter Eilentscheidung gar nicht primär um das Recht, sondern wieder um die Politik. Wer die Opposition überfährt, kann nicht auf ihre Hilfe rechnen, das ist schon mal das erste. Wer hart einsame Entscheidungen trifft, muss sie auch einsam und hart durchstehen, das ist das zweite. Und wer Unterstützung von Bären benötigt, sollte ihnen vorher besser keine Kugeln in den Pelz gebrannt haben. Schon gar nicht sollte er in dieser Situation wieder anfangen, wie wild rumzuballern. Wer es trotzdem tut, ist vielleicht in Panik.

          Zum Spiel gehört, am Leben zu bleiben

          Und das ist wohl schon die ganze Geschichte. Jedenfalls der wesentliche Teil. Nun kann man fragen: Ist das gerecht? Dass Politiker so leiden müssen? Während die Journalisten, solange sie nur den Wald meiden, einfach austeilen dürfen, aber nicht einzustecken brauchen?

          Gerecht vielleicht nicht. Aber es hat schon seinen Sinn. Leute, die für und über andere bestimmen wollen, sollten dazu auch in der Lage sein. Deswegen war die Frage, was Susanne Gaschke dafür qualifizierte, eine Stadt zu regieren, auch kein Akt von Majestätsbeleidigung – und dass sie das offenbar so aufgefasst hat, enthielt schon die Antwort. Ein Politiker, der andere regieren will, dessen Handeln über Wohl und Wehe anderer bestimmt, der sollte dazu befähigt sein. Auch für das „Spiel“, von dem Gaschke sprach. Das Spiel, zu dem als erstes gehört, am (politischen) Leben zu bleiben.

          Also: Weidmannsheil, Weidmannsdank, und dreimal Prost auf’s Östrogen! Von Angela Merkel.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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