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Gabriele Pauli : Am Ziel und am Ende

  • -Aktualisiert am

Landrätin Pauli: Aufstieg und Fall einer „Parteirebellin” Bild: dpa

Gabriele Pauli brachte Huber und Beckstein ganz nach oben - und stürzte selbst tief. Spätestens mit ihrer Idee einer Ehe auf Zeit ist sie zurück in ihrem Aschenputteldasein: Eine Frau, mit der die Anständigen in der CSU nichts zu tun haben wollen. Von Georg Paul Hefty.

          Die 39. Kalenderwoche wird nicht die Woche der Gabriele Pauli werden. Die dritte Kalenderwoche dieses Jahres war ihre Woche gewesen. Damals hatte die Fürther Landrätin und CSU-Politikerin Geschichte geschrieben, bayerische Geschichte und deutsche Geschichte, ganz nebenbei - falls Edmund Stoiber künftig als Entbürokratisierungsbeauftragter der EU große Erfolge erzielt - sogar europäische Geschichte.

          Die fünfzig Jahre alte Frau hatte nach siebzehn Jahren im CSU-Vorstand die Öffentlichkeit so in Wallung gebracht, dass die CSU-Landtagsabgeordneten erstmals glauben durften, nun endlich gegenüber ihrem Ministerpräsidenten am längeren Hebel zu sitzen. (Siehe auch: Gabriele Pauli: Feuerwerk im Wirtshaus)

          Frau Pauli hatte ein Vierteljahr zuvor auf dem CSU-Parteitag die Forderung erhoben, den Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2008 nicht vom Parteivorstand, sondern in einer Mitgliederbefragung zu küren. Dies galt als eine demokratisch verbrämte weibliche List, denn die CSU hatte ja ihren geborenen Spitzenkandidaten, den amtierenden Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden Stoiber.

          Die Verwirklichung seines Lebenstraums verdankt Beckstein Frau Pauli

          Racheengel und Madonna

          Doch Frau Pauli ließ nicht locker, und die Mannschaft der Staatskanzlei erkannte, dass da eine bayerische Liberté heranzuwachsen drohte. Die Mitarbeiter des Ministerpräsidenten versuchten nun auf die übliche Art, die Trägerin des Befreit-euch-von-Stoiber-Gedankens bloßzustellen. Sie missachteten, dass schon der französische Maler Eugène Delacroix die Anziehungskraft seiner Liberté auf die Massen durch ihre Bloßstellung ins schier Unermessliche gesteigert hatte.

          Als in die beginnende Weihnachtsstimmung hinein die Bespitzelte empört auf der Trennung ihres Privatlebens von ihrem politischen Leben bestand und es gerade dadurch politisch instrumentalisierte, hatte sie die Sympathien aller verfolgten Unschuldslämmer auf ihrer Seite.

          Kein Dank für den Königsmord

          Da Stoiber sie auch noch für "nicht so wichtig" erklärte und keine fünf Minuten für sie hatte, wurde Gabriele Pauli über die Festtage zum Racheengel und zur Madonna der CSU zugleich. Einen Monat lang stand ihr Name jeden Tag in jeder Zeitung Deutschlands. In der Nacht zum 18. Januar verschworen sich Stoibers guter Freund Günther Beckstein und Stoibers bester Mann Erwin Huber, das Erbe ihres Meisters unter sich aufzuteilen, und stürzten den Stolzen, den bis dahin irdisch Allmächtigen der Bayernlande vom Thron.

          Frau Pauli war am Ziel - und am Ende. Doch wussten das damals weder sie noch ihre Bewunderer. Aber dafür sorgten mit Ingrimm nicht nur die beiden Nutznießer ihres Siegeszuges. Weil keiner von beiden eingestehen wollte, dass er trotz all seiner jahrzehntelangen Verdienste ausschließlich durch die Hilfe der bislang nicht beachteten und nicht geförderten Kommunalpolitikerin die Chance erhalten hatte, seine geheimsten Lebensträume zu verwirklichen, überzogen sie Frau Pauli mit härtester Kritik, statt ihr danke zu sagen für ihren Mut vor dem Königsthron, zu dem sie selbst nicht gefunden hatten.

          Mit dem Kopf durch die Wand

          Frau Pauli merkte erst am 21. Februar, dem politischen Aschermittwoch in Passau, wie übel ihr mitgespielt wurde. Dass Stoiber sie schnitt, war verständlich. Dass sie aber dort, wo der niederbayerische Bezirksvorsitzende Huber als Hausherr fungiert, von der Prominentenbank aus gespielter Sorge um ihre Sicherheit vor die Tür gesetzt wurde, warf sie so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sie sich anderntags in München zu allenfalls halbdurchdachten Fotoaufnahmen für eine neue bebilderte Zeitschrift hinreißen ließ. Als die Gerüchte über Latex-Fotos noch vor den in Wirklichkeit wenig anrüchigen Bildern selbst auf dem Markt waren, hätte sie gewarnt sein müssen, künftig nur noch nach strengem Plan zu verfahren.

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