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Gabriel und Lafontaine : Der kalkulierte Flirt der SPD mit den Linken

  • -Aktualisiert am

Gabriel und Lafontaine mit Gregor Gysi im Bundestag: Chimäre einer Machtoption. Bild: Liesa Johannssen/photothek.net

SPD-Chef Gabriel hat sich mit dem Linken-Gründer und SPD-Abtrünnigen Oskar Lafontaine getroffen. Das macht Sinn, denn Gabriel braucht das Spiel mit den Linken – um so etwas wie eine Machtoption zu simulieren.

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          Kürzlich war Oskar Lafontaine wieder einmal in Berlin. Als ehemaliger Bundestagsabgeordneter hat er Zugang zur Parlamentarischen Gesellschaft, wo die Abgeordneten – aktuelle wie frühere – gerne etwas Essen gehen, vor allem wenn sie nicht gesehen werden wollen. Journalisten dürfen nämlich nur auf Einladung die ehrwürdige Gesellschaft gegenüber vom Reichstagsgebäude betreten.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Jedenfalls traf Lafontaine an jenem Tag auf Sigmar Gabriel, seinen Nachfolger im SPD-Vorsitz. Beide hätten sich kurz ausgetauscht und verabredet, man müsse sich mal wieder treffen. Am Freitag ist es nun zu dem Gespräch kommen. Der Wirtschaftsminister war im Saarland unterwegs und hat am Abend auf einem Industriekongress in der Völklinger Hütte eine Rede gehalten. Vorher traf er sich mit Lafontaine.

          Obwohl Gabriel und der Gründer der Linkspartei in all den Jahren seit dem Bruch zwischen Lafontaine und den Sozialdemokraten zumindest sporadisch in Kontakt blieben, ist ein solches Treffen in diesen Zeiten höchst interessant. Lafontaine war nämlich vor einem Monat in einem „Spiegel“-Interview nach der Möglichkeit einer rot-rot-grünen Koalition nach der Bundestagswahl 2017 gefragt worden.

          „R2G“ – das steht für zweimal rot, einmal grün“

          Und er hatte geantwortet: „Das hängt von der SPD ab. Sigmar Gabriel hat gerade erklärt, dass die SPD wieder die Schutzmacht der kleinen Leute sein soll, wie es zu den Zeiten war, als die SPD noch 40 Prozent bei der Bundestagswahl erreicht. Wenn das ernst gemeint wäre, könnte man auch über Rot-Rot-Grün sprechen.“

          Auch wenn Lafontaine, der frühere Linksparteivorsitzende und Ehemann Sahra Wagenknechts, mit der Äußerung der SPD die Verantwortung überträgt, ist der Satz für Gabriel wichtige als sämtliche „R2G“-Treffen seit 2013. „R2G“ – das steht für zweimal rot, einmal grün. Der Gesprächskreis, der Chancen für ein künftigen Linksbündnis ausloten soll, ist nämlich stets ein esoterischer Zirkel geblieben.

          Gabriel dürfte die Chancen für 2017 immer noch so einschätzen, wie er es 2013 tat, als er seiner SPD im 150. Jahr ihres Bestehens „ein wenig historische Geduld“ wünschte und anfügte: „Bei der Linkspartei müssen wir sicher noch zehn Jahre Geduld haben.“ Trotzdem könnte es für Gabriel nützlich sein, in einem Gespräch mit Lafontaine vorzufühlen, ob die Chance besteht, dass die Linkspartei im Bundestagswahlkampf die SPD nicht wieder zu ihren eigentlichen und ärgsten Gegner macht.

          Auch wenn Gabriel ebenso wenig wie Lafontaine kurzfristig an Rot-Rot-Grün glaubt, braucht der SPD-Vorsitzende als mutmaßlicher Kanzlerkandidat die Linkspartei als Chimäre einer Machtoption. Zwar ist ein Linksbündnis derzeit schon rechnerisch ebenso wenig eine Option wie ein Ampelbündnis, doch könnte ein kleiner Stimmungsumschwung in den Umfragen dies ändern.

          Wer hat die Information durchgestochen?

          Gabriel braucht für den Wahlkampf diese Machtoption aus Mobilisierungsgründen. Wenig wirkt so lähmend auf sozialdemokratische Wahlkämpfer wie ein Weiter-so mit der großen Koalition unter Angela Merkel, die – neben Schwarz-Grün – wahrscheinlichste Option.

          Noch interessanter als das Gespräch selbst, ist die Frage, wie es öffentlich wurde. Die „Rheinische Post“, die zuerst über das Treffen an der Saar berichtet hatte, berief sich auf „SPD-Kreise“. In der SPD selbst verweist man hingegen auf die Linkspartei: Da habe einer seine Klappe nicht halten können.

          Und in der Linkspartei findet die Deutung Verbreitung, diejenigen in der SPD, die Gabriel als Kanzlerkandidaten verhindern (und damit faktisch als Parteivorsitzenden stürzen) wollten, hätten die Information durchgestochen, um ihn als verzweifelten Taktiker bloßzustellen. Am 23. Mai kommt das SPD-Präsidium samt Ministerpräsidenten im Willy-Brandt-Haus zusammen, um den Parteikonvent, den Kleinen Parteitag, im Juni vorzubereiten. Natürlich werde man unter dem Tagesordnungspunkt „Allgemeine Lage“ auch über den Zustand der SPD reden, heißt es. Eine Krisensitzung sei es aber nicht.

          Gabriel spielte die Bedeutung des Treffens am Freitagabend herunter: Es sei „erstaunlich, welche Fantasien man auslöst, wenn man ein entspanntes Verhältnis zu jemanden hat, mit dem man politisch derzeit nicht allzu viel gemeinsam hat“.

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