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G-20-Proteste : Linksradikal? Linksextrem? Linksautonom?

  • -Aktualisiert am

Der schwarze Block bei einer Demonstration gegen den G-20-Gipfel in Hamburg. Bild: Henning Bode

Seit den G-20-Protesten ist die extreme politische Linke wieder im Fokus. Dabei werden die Begriffe linksautonom, linksextrem und linksradikal häufig synonym verwendet. Im Interview erklärt der Politikwissenschaftler Thomas Noetzel, wo die Unterschiede liegen.

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          Herr Noetzel, seit dem G-20-Gipfel wird wieder mehr über die linke Szene in Deutschland berichtet. Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Linksradikalen und Linksextremisten?

          Ja, natürlich. Radikale wollen mit ihren Ideen an die Wurzel eines Problems gehen und deswegen auch keine Kompromisse eingehen. Extremisten gehen noch einen Schritt weiter. Zum Extremisten wird man, wenn man die Ideen auf die Straße bringt. Der Extremist nimmt den Radikalen erst richtig ernst – er setzt seine Ideen um. Viel problematischer finde ich im Übrigen die Schnittmenge aus Linksradikalen und Linksextremen.

          Wie meinen Sie das?

          Beide Gruppen haben gemeinsam, dass sie das bestehende System komplett ablehnen. Das halte ich für eine große Gefahr, gerade, weil Sympathien für diese Ideen bis weit in die Gesellschaft hinein verbreitet sind. Das hat sich auch wieder nach den G-20-Demonstrationen gezeigt. Schauen Sie sich etwa den Linken-Politiker Jan van Aken an, der Sympathien für die Rote Flora zeigt, obwohl er nicht linksradikal oder linksextrem ist.

          Die Rote Flora bezeichnet sich selbst als linksautonom. Was unterscheidet Linksautonome von Linksradikalen und Linksextremen?

          Linksautonome legen viel Wert darauf, dass sie nicht parteiisch sind. Sie sehen sich jenseits der klassischen kapitalistischen Problematik. Hier geht es nicht mehr um die Arbeiterklasse oder den Klassenkampf. Für Autonome stehen kulturelle Faktoren im Fokus.

          Wie sieht das konkret aus?

          Schauen Sie sich die Rote Flora in Hamburg an. Hier werden Werkstätten und sogenannte Voküs [Anmerkung der Redaktion: „Volxküchen“, ein regelmäßig stattfindendes Gruppenkochen. Das Essen wird meist zum Einkaufspreis oder günstiger abgegeben] betrieben. Das ist eine Politisierung des Alltags oder eine „Politik der ersten Person“. Hier werden Ich-Ansprüche gestellt, obwohl Politik doch eigentlich kollektiv ausgerichtet sein soll. Man könnte die Geschehnisse von Hamburg als linksextremistischen Ausbruch von Narzissmus bezeichnen.

          Thomas Noetzel ist seit 2002 Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Philipps-Universität Marburg

          Wo ordnen Sie das Bündnis „Welcome to Hell“ ein?

          Das ist für mich ganz klar extremistisch. Allein der Bezug auf die Hölle ist maßlos. Von der Idee her ist das Bündnis radikal. In dem Moment aber, als sie ihre Ideen auf die Straße getragen haben, sind sie extremistisch geworden. Nochmal: Linksextremismus ist sozusagen der in die Tat umgesetzte Linksradikalismus. Die Demonstranten haben sich ja ganz bewusst auf die Eskalation eingelassen.

          Der Verfassungsschutz spricht übrigens nur von Linksextremen, nicht von Linksradikalen. Wieso?

          Ideen alleine sind eben noch nicht strafbar.

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