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Aufstand der Jäger : Waidmanns Keil

  • -Aktualisiert am

Jäger in Nordrhein-Westfalen wehren sich gegen den Versuch der rot-grünen Landesregierung, ein „ökologisches Jagdrecht“ einzuführen. Bild: dpa

In Nordrhein-Westfalen wird heftig über das Jagdrecht gestritten. Für die Jäger geht es um alles - für die rot-grüne Regierung um den Koalitionsfrieden.

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          Wildschweine kirre zu machen ist nicht schwer. Revierjagdmeister Peter Markett streut in einer Lichtung im Hochwildrevier Hohe Ward hier und dort eine Handvoll Maiskörner am Waldboden aus. Über den gelben Häufchen plaziert er jeweils Baumscheiben, damit nicht andere Tiere den Mais fressen. Nur die Schweine sollen ihn hervorwühlen. Das Kirren hat mit Füttern nichts zu tun. Revierjagdmeister Markett geht es darum, das Wild anzulocken, um es im Mondlicht beobachten und entscheiden zu können, welches Tier die Mitglieder des Davert Hochwildrings in der Nähe des münsterländischen Rinkerode demnächst schießen dürfen - und müssen. Denn Wildschweine müssen konsequent bejagt werden. Könnten sich die Schwarzkittel ungehindert fortpflanzen, würden sie zur Plage, nicht nur für das Ökosystem Wald.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          In Regionen wie dem Münsterland, wo viele Bauern Schweinemast betreiben, kommt die Angst vor der Schweinepest hinzu. Auch um ihre Ausbreitung zu verhindern, muss der Wildschweinbestand stets konsequent dezimiert werden. Und das geht nur mit den bewährten Jagdmethoden wie eben dem Kirren. Trotzdem soll das Kirren selbst von Wildschweinen nach dem Willen des nordrhein-westfälischen Umweltministers Johannes Remmel (Grüne) stark eingeschränkt werden. Sein Entwurf für eine umfassende Jagdrechtsnovelle sieht vor, dass in jedem Revier auf jede Kirrfläche nur noch ein Liter Getreide ausgebracht werden darf.

          „Für Land und Leute! Schluss mit den Verboten!“

          Berufsjäger Markett zeigt auf den Boden seines Eimers, der gerade so mit Maiskörnern bedeckt ist. Er schüttelt den Kopf. „Das reicht vorne und hinten nicht.“ Auf den ersten Blick scheint die Kirrung eine Detailfrage eines Nischenthemas zu sein. Wer interessiert sich - abgesehen von den 90.000 Waidmännern in Nordrhein-Westfalen - schon für das Jagdrecht? Doch über keine politische Angelegenheit wird im bevölkerungsreichsten Bundesland derzeit so erhitzt und ausdauernd gestritten wie über die geplante Jagdrechtsnovelle von Umweltminister Remmel. Fünf Regionalkonferenzen organisierte der Landesjagdverband im vergangenen Herbst.

          Das Mobilisierungspotential gegen den „grünen Parteilobbyismus“ ist erstaunlich. Bis zu 3000 Waidmänner kamen jeweils, um unter dem Motto „Für Land und Leute! Schluss mit den Verboten!“ ihren Unmut zu artikulieren und einen Keil zwischen die Regierungspartner SPD und Grüne zu treiben. Mitte März fand dann in Düsseldorf die seit Jahren größte Demonstration statt: 15.000 Waidmänner bliesen Remmel vor dem Landtag den Marsch.

          Peter Markett sieht in seiner Outdoor-Hose und seiner Outdoor-Jacke aus wie ein typischer Wähler der Grünen. Der 46 Jahre alte Mann ist am liebsten draußen in seinem Revier, inmitten der Natur. Aber am 18. März hat auch Markett sich in die Landeshauptstadt aufgemacht - zur ersten Demo seines Lebens. Es ist ein Stadt-Land-Konflikt, der den Grünen noch gefährlich werden könnte. Sie hatten sich eigentlich vorgenommen, den ländlichen Raum zu erobern.

          Wider die Monokultur

          Auf der einen Seite stehen die überwiegend urban orientierten Grünen, die sich nach der Energiewende Ende vergangenen Jahres auf ihrem Bundesparteitag nun den „ökologischen Umbau“ des ländlichen Raums zur Aufgabe gemacht haben. Ein „ökologisches Jagdrecht“ im strategisch wichtigen Bundesland Nordrhein-Westfalen ist für Grüne wie Remmel dabei ein besonders wichtiger Baustein eines umfassenden Paradigmenwechsels. Es wäre auch ein schönes Signal an die Umwelt- und Naturschutzverbände, die in den vergangenen Jahren allzu oft enttäuscht waren von den Grünen.

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