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TV-Fünfkampf in Bayern : Ein Wahlkampf-Quintett zum Austoben

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Dass seine Partei keinen Spitzenkandidaten hat, erklärte er gleich zu Beginn mit der berühmten Konzentration auf die „Inhalte“. In seinem an Konflikten nicht gerade armen Landesverband gibt es aber wichtige Parteifreunde, die behaupten, Sichert habe eine Spitzenkandidatur hintertrieben, damit er, obschon Bundespolitiker, ins Fernsehen komme. Er versuchte immer mal wieder, die Asylthematik einzuflechten, etwa bei der Frage, warum das Wohnen so teuer geworden sei. Der CSU warf er vor, dass sie „den Pfad der Rechtsstaatlichkeit verlassen hat“ und „die bestehenden Gesetze nicht mehr einhält“, ohne zu spezifizieren, was er damit meinte. Sichert sprach in der Regel ruhig, mehrfach druckste er aber auch herum, etwa beim Hinweis der Moderatoren, er habe auf dem Bundesparteitag der AfD zum Kirchenaustritt aufgerufen, oder bei der Nachfrage, ob seine Partei, wie es im Wahlprogramm heißt, „entsprechend der sich drastisch verschlechternden inneren Sicherheit den Zugang zu Waffen auch zur Selbstverteidigung erleichtern“ will.

Wer war der Sieger des Abends?

Als Reinkarnation des gesunden Menschenverstands ging an dem Abend jedenfalls nicht Sichert, sondern Hubert Aiwanger durch. Gemäß dem Credo seiner Partei, von der realen Erfahrung statt von der Ideologie her zu denken, riet er etwa beim umstrittenen Polizeiaufgabengesetz zu „ruhig Blut“, ihm, der seine Ohren sonst überall hat, sei noch kein Missbrauchsfall zu Gehör gekommen, man solle das Gesetz also erst einmal laufen lassen und dann, nach einer Evaluation, womöglich „kleine Korrekturen“ anbringen. Zu Pragmatismus riet Aiwanger, der als einziger der Diskutanten durch Dialekt und Kleidung eine bayerische Herkunft zu erkennen gab, auch bei der Frage, ob Asylbewerber arbeiten dürfen sollen: „Wenn wirklich jemand am Arbeitsmarkt gebraucht und integriert ist, dann wird man den da weiter arbeiten lassen.“ Er warne aber davor, unter der Überschrift „Spurwechsel“ wieder massenhafte Migration auszulösen.

Der Sieger des Abends war aber ein anderer: Martin Hagen von der FDP. Er kam erst auf leisen Sohlen daher. Die Moderatoren stellten früh fest, sein Zeitkontingent hinke dem der anderen Kandidaten hinterher. Das lag aber schlicht daran, dass er sich nie verhaspelte und seine klaren Positionen kurz und auf den Punkt vortrug. Er ist für den Spurwechsel, aber mit Stichtagsregelung, deren Erfindung er keck auch noch für sich selbst in Anspruch nahm. Auf die Frage, wie er es mit Abschiebungen nach Afghanistan halte, sagte er, ohne den Eindruck zu erwecken, er weiche aus: Darüber habe das Auswärtige Amt zu befinden. Hagen, der nach fünf Jahren außerparlamentarischer Opposition und wegen seines jungen Alters (Jahrgang 81) noch stark an seiner Bekanntheit arbeiten muss, präsentierte sich zeitgemäß und vernünftig, ohne dabei – alte FDP-Krankheit - steril oder herzlos zu wirken. Er verwies ungezwungen auf seine kleine Tochter, die jetzt hoffentlich schon im Bett sei, zeigte aber auch, dass er, der im Ruf steht, vielleicht zu freundlich zu sein, zu subtiler Gemeinheit fähig ist.

Als die Rede darauf kam, dass Sichert auch schon mal in der FDP gewesen sei, wies Hagen darauf hin, dass das auch auf die SPD zutreffe, ein Umstand, der nicht gerade auf eine inhaltliche Fixiertheit Sicherts schließen lässt und übrigens in der AfD sehr kritisch gesehen wird. Und als Hagen in der Schlussrunde gefragt wurde, mit welchem der Kandidaten er gerne wandern gehen würde, da sagte er: mit Markus Söder. Er vergaß dabei nicht zu erwähnen, dass es im Wahlkampf schon eine gemeinsame Almbegehung gegeben habe – „aber Herr Söder hat sich leider mit dem Auto zum Gipfel fahren lassen und ist nur die letzten Meter mitgewandert.“

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