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Führungswechsel in der Linkspartei : Eine Partei, zwei Parteien, keine Partei?

  • -Aktualisiert am

Der Parteitag von Göttingen hat die Kluft in der Partei nicht verkleinert Bild: dapd

Der Parteitag in Göttingen hat Entscheidungen gebracht - aber nicht im Kampf um die Herrschaft in der Linkspartei. Die Kluft zwischen den Flügeln ist nicht kleiner geworden. Und die neue Führung wirkt schwach.

          Ausgerechnet der gewandte und belesene Gregor Gysi zeigte in einer fulminanten Rede, wie weltfremd die vor fünf Jahren gegründete Linkspartei ist: Er habe, berichtete er den Delegierten, in der Vorbereitung auf den Göttinger Parteitag „in der Bergpredigt nachgelesen“, was Jesus seinen Jüngern im Umgang mit Feinden empfohlen habe. Statt aber zu zitieren - „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen“ - tat er so, als sei damit so eine Art gesetzlicher Mindestlohn im innerparteilichen Umgang festgesetzt worden: „Wenn wir wenigstens den Zustand in unserer Partei erreicht hätten, wären wir schon einen deutlichen Schritt weiter“.

          Die über Gysis heilige Unschuld hätten lachen können, hatten anderes zu tun. Katharina Schwabedissen, die Pfarrerstochter, die gern zusammen mit Kaja Kipping die Partei geführt hätte, verabschiedete sich am Samstagnachmittag Knall auf Fall von ihrem Projekt eines „Dritten Wegs“ abseits der Gräben in der zerrissenen Partei. Statt wie angekündigt für eine aus Sicht aller Lager unberechenbare weibliche Doppelspitze mit Frau Kipping kandidierte die 39 Jahre alte Spitzenkandidatin im nordrhein-westfälischen Wahlkampf, Krankenschwester und Mutter von zwei Jungen, als Stellvertreterin - und wurde spätabends nicht gewählt. Frau Kipping aber trat nach dem abrupten vorzeitigen Ende des Duos nicht etwa auch zurück, sondern wurde zur Vorsitzenden gewählt. Sie habe den Eindruck sagte sie in ihrer Bewerbungsrede, dass die Partei eine „Richtungsentscheidung“ wünsche. Ob eine solche in Göttingen allerdings getroffen wurde, wird sich erst noch erweisen müssen.

          Ein richtiger Satz in einer ganzen Rede

          Oskar Lafontaine, der frühere Partei- und Fraktionsvorsitzende in den glücklichen Tagen männlicher Doppelspitzen, hat die Wucht der Bergpredigt aus seinen Jahren als Jesuitenschüler sicher noch in lebhafter Erinnerung. Doch hatte auch er, während Gysi sprach, gewiss anderes im Kopf. Er sprach unmittelbar anschließend. Gleich zu Beginn machte er unmissverständlich klar, wie komplett er mit der Partei fertig ist, die er von 2005 an gründen half. Mit Gysi habe er „lange Jahr gut zusammengearbeitet“. Das sagte er so gönnerhaft wie ein Vorgesetzter, der an einem möglichst schlechten Zeugnis für einen entlassenen Unterling formuliert. An Gysis Rede sei „ein Satz“ richtig, befand Lafontaine.

          Haben gut Lachen: Sahra Wagenknecht und Oskair Lafontaine

          Der einstige SPD-Vorsitzende hielt seine Standardrede in Standardmanier: Backen aufpusten, rot anlaufen, schreien - es tobt der Saal, die Gefolgschaft johlt. Gysis Beschreibung der Linkspartei als Volkspartei im Osten und Interessenpartei im Westen wird als „dummes Gerede“ abgetan, das Nachdenken über eine drohende Spaltung ebenso: „Es gibt keinen Grund, es in den Mund zu nehmen. Lasst es weg!“ Die tiefer gewordenen Gräben zwischen den verfeindeten Parteigruppen leugnet Lafontaine schlicht, wie schon Klaus Ernst: „Gravierende programmatische Unterschiede“ existieren in ihren Augen nicht, allenfalls „da und dort Befindlichkeiten“. An Lafontaines Befindlichkeit lässt diese Rede keinen Zweifel: Er hat genug von der Linkspartei. Aber Dietmar Bartsch, den er schon in seiner Befindlichkeit als Partei- und Fraktionsvorsitzender verfolgte, den ließ er seine Leute in Göttingen abermals abservieren. Lafontaine will nicht Parteivorsitzender werden, seine Gefährtin Sahra Wagenknecht hat auch keine Lust auf den Posten - aber Bartsch sollte es auch nicht werden.

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