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Früherer Wirtschaftsminister : Otto Graf Lambsdorff gestorben

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Otto Graf Lambsdorff (1926-2009) Bild: Frank Röth / F.A.Z.

Der frühere FDP-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff ist tot. Er starb im Alter von 82 Jahren in einem Krankenhaus in Bonn, wie sein Sohn bestätigte. Lambsdorffs Name ist vor allem mit der „Wende“ von der sozial-liberalen Regierung Schmidts zu Kohls Koalition von Union und FDP verbunden.

          Der frühere FDP-Vorsitzende und Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff ist tot. Er starb in einem Krankenhaus in Bonn, wie sein Sohn am Sonntag bestätigte. Otto Graf Lambsdorff wurde 82 Jahre alt. Er galt als ein Markenzeichen der Liberalen. Als unbedingter Verfechter der freien Marktwirtschaft und scharfer Analytiker mit markiger Rhetorik genoss er hohes Ansehen über die Parteigrenzen hinweg. Sein langjähriger Spitzname „Marktgraf“ wurde zu einer Art Ehrentitel.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Lambsdorff als „menschlich wie politisch gleichermaßen herausragenden Liberalen“. In einer Kondolenzmittelung erklärte sie: „Er hat die Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik Deutschland lange Jahre hindurch ordnungspolitisch geprägt und reiht sich ein in die Reihe der großen Persönlichkeiten unserer sozialen Marktwirtschaft.“ Auch jenseits der Tagespolitik habe Lambsdorff „in so sensiblen Fragen wie der deutschen Entschädigung der Zwangsarbeiter des Zweiten Weltkrieges bleibende Maßstäbe gesetzt. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit und fühlen mit seiner Frau und seiner ganzen Familie“, schloss die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende.

          Von Schmidt zu Kohl

          Lambsdorff war 1951 in die FDP eingetreten und im Jahr 1977 zum Bundeswirtschaftsminister in der damaligen SPD/FDP-Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt berufen worden. Er blieb bis 1984 in diesem Amt, bemühte sich um den Abbau von Differenzen mit den Gewerkschaften, ging aber in wesentlichen Fragen wie Mitbestimmung, Aussperrung und Lohnpolitik doch wiederholt auf Konfrontationskurs.

          Zusammen mit Hans Dietrich Genscher auf einem Landesparteitag in Essen im Jahr 2000

          Von 1988 bis 1993 führte Lambsdorff die FDP als ihr Vorsitzender. In der deutschen Regierungsgeschichte ist sein Name mit der „Wende“ von der sozial-liberalen Regierung Helmut Schmidts zur CDU/CSU/FDP-Koalition unter Helmut Kohl verbunden. Vor allem ein als „Lambsdorff-Papier“ bekannt gewordener Text, mit dem er einen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik mit drastischen Einschnitten bei den Sozialleistungen verlangte, läutete 1982 den Koalitionswechsel ein.

          In den achtziger Jahren überschattete die Flick-Parteispendenaffäre die Karriere des langjährigen Bundestagsabgeordneten. In einem 1982 gegen Lambsdorff eingeleiteten Ermittlungsverfahren ging es um den Vorwurf, die Zustimmung von Lambdsdorffs Ministerium zu einem Steuererlass von 850 Millionen Mark für den Flick-Konzern sei von einer Konzernspende in Höhe von 135.000 Mark an die FDP beeinflusst worden.

          Vor dem Flick-Untersuchungsausschuss des Bundestages wies Lambsdorff diese Vorwürfe zurück, gestand aber ein, dass die FDP Spenden von Flick erhalten habe. Kurz vor der Eröffnung eines Prozesses gab Lambsdorff am 26. Juni 1984 das Amt des Bundeswirtschaftsministers auf. Der Prozess begann 1985; der Anklagepunkt der Bestechlichkeit wurde jedoch im Lauf der Verhandlungen fallengelassen. Das Strafverfahren endete im Februar 1987 mit vergleichsweise milden Urteilen. Lambsdoff musste eine Geldstrafe hinnehmen.

          Seine Stimme behielt Gewicht

          Nachdem er 1993 auch aus dem Amt des Parteivorsitzenden geschieden war, blieb Lambsdorff zunächst wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Jahr 1998 äußerte sich Lambsdorff weiterhin in bekannter Deutlichkeit zu Fragen der Wirtschaftspolitik. Seine Stimme behielt bis zuletzt politisches Gewicht in Deutschland. Noch vor wenigen Wochen warnte der frühere Bundeswirtschaftsminister die neue schwarz-gelbe Bundesregierung vor einem „Schuldenrausch“.

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