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Friedrich Karl Fromme : Eine journalistische Instanz

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Als Journalist und scharfsinniger Beobachter der Zeitgeschichte war er Autorität, Instanz und Vorbild. Mehr als zwanzig Jahre lang prägte er die innenpolitische Berichterstattung der F.A.Z.. Ein Nachruf zum Tode von Friedrich Karl Fromme.

          3 Min.

          Er war eine einzigartige, eine herausragende Persönlichkeit des deutschen Journalismus: ein Mann von imposanter Statur, mit einem fabelhaften Gedächtnis und mit immenser Arbeitskraft gesegnet, hochgeschätzt von den Kollegen, anerkannt in der Fachwelt. Und doch war er auch ein von Selbstzweifeln Geplagter, vom Leben Verletzter, stets verletzlich Gebliebener.

          Friedrich Karl Fromme wurde am 10. Juni 1930 als Sohn eines bekannten Chirurgen und Chefarztes in Dresden geboren, auch seine Mutter war Ärztin. In den Dresdener Bombennächten des Jahres 1945 ging seine Herkunftswelt unter. Er hat ihrer immer trauernd gedacht und diesen Verlust nie verwunden.

          Ungezählte Aufsätze in Fachzeitschriften

          In der SBZ/DDR war dem Sohn bürgerlicher Eltern ein Medizinstudium verwehrt, er wandte sich deshalb den Naturwissenschaften zu. Nach dem Wechsel in den Westen begann er - die politisierten Zeitläufte verwiesen ihn darauf - in West-Berlin Politik, öffentliches Recht und Soziologie zu studieren. In Tübingen, bei Theodor Eschenburg, dessen Assistent er wurde, verfasste er seine Dissertation „Von der Weimarer Verfassung zum Grundgesetz“, ein Standardwerk, das vor kurzem neu aufgelegt wurde.

          Welche schmerzlichen Erfahrungen hinter einem Satz standen, den er in seinen Lebenslauf aufnahm - „Die sich abzeichnende Massenuniversität war der Fortführung der Habilitation hinderlich“ -, ist so offensichtlich, wie es angesichts von Frommes wissenschaftlicher Begabung rätselhaft bleibt: Bücher und ungezählte Aufsätze in Fachzeitschriften zeugen davon, was er auf diesem Gebiet hätte erreichen können.

          Wortschöpfer und Künstler der Zwischentöne

          1962 begann Fromme, nach jahrelanger freier Mitarbeit, seine journalistische Karriere beim Süddeutschen Rundfunk; 1964 wechselte er zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die ihm zur journalistischen Heimat wurde. Nach einem Zwischenspiel als Bonner Korrespondent wurde er im Jahr 1974 verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik und prägte auf diesem Posten die Zeitung mehr als zwanzig Jahre lang.

          Fromme hatte, bei aller Nüchternheit seiner Sachberichte, eine ausgeprägte artistische Ader: Er war - literarisch hochgebildet und -begabt; Fontane, Brecht, Tucholsky und Schnitzler gehörten zu seinen Lieblingsautoren - sprachmächtig, ein Wortschöpfer und Künstler der Zwischentöne. Er verbarg das hinter einem fast beamtenhaften Habitus so sorgfältig, dass nur diejenigen es merkten, die seine Texte nicht nur um der Sache willen lasen.

          Oberflächlich gesehen mochten seine Sätze manchmal verschachtelt wirken; wer ihrem Duktus nachging, spürte, dass sie Spannungsbögen waren, die auch in den Abschweifungen auf ein genaues sprachliches und intellektuelles Ziel zustrebten. Das Recht - in allen seinen Facetten, auch denen, die sich nur an Personen zeigen lassen - ist nicht nur wegen seiner Bedeutung, sondern auch deshalb zu seiner eigentlichen Domäne geworden, weil sich auf diesem Gebiet das Trockene, das Sach- und Fachliche immer wieder kreuzen mit der Interpretation, mit dem Schöpferischen.

          Ein skeptischer Konservativer

          Die rechts- und justizpolitische Berichterstattung als journalistische Disziplin hat, wie ein ihm politisch fernstehender Staatsrechtslehrer einmal bewundernd äußerte, Fromme recht eigentlich erfunden. Da gab es keine Vorgänger, und schwerlich kann es in dieser Kombination von Wissen und Talenten wirkliche Nachfolger geben. Ein Verfassungsrichter hat einmal konzediert, dass ohne Frommes Darstellung und Deutung höchstrichterlicher Urteile das Bundesverfassungsgericht nicht den Einfluss gewonnen hätte, den es heute auch in der öffentlichen Wahrnehmung hat.

          Die innenpolitische Entwicklung zuerst der alten Bundesrepublik, dann des zusammenwachsenden vereinigten Deutschlands hat er seit den siebziger Jahren verfolgt und mit seinen Kommentaren teilweise auch beeinflusst. Fromme war ein skeptischer Konservativer, den im Umgang mit Kollegen und im Redaktionsalltag eine ausgeprägte Liberalität kennzeichnete. Über Fortschrittsgläubige konnte er aufgrund seiner Menschenkenntnis und wegen historischer Erfahrungen nur lächeln.

          Dieselben Erfahrungen haben ihn aber auch davor bewahrt, ein Reaktionär zu werden. Die Dinge lassen sich nicht aufhalten, aber man kann Entwicklungen verzögern oder bremsen, vor allem aber gilt es, auch an die aus ihnen entstehende Verlustbilanz zu erinnern - so etwa könnte seine Maxime geheißen haben.

          Autorität, Instanz und Vorbild

          Seine Fähigkeit, sofort den Kern einer Sache zu erfassen und sie in historische Perspektiven einzuordnen, zusammen mit der unter den Kollegen zur Legende gewordenen Gabe, das alles umfassend, richtig und schnell auf seiner mechanischen Schreibmaschine zu Papier zu bringen, machten seinen journalistischen Rang aus. Für jüngere Kollegen war er ein subtiler Redigierer und - wenn gefragt - ein wichtiger Ratgeber. In der Redaktion war er Autorität, Instanz und Vorbild; in seinem kleinen, mit Büchern und Manuskripten vollgestopften Büro war er bis in die Nacht hinein zu erreichen, wenn das Weltgeschehen einmal wieder einen Purzelbaum schlug.

          Fromme pflegte mit seinem Sachsentum zu kokettieren, obwohl dieses nicht gerade in den Tiefen der Geschichte wurzelte. Nach der Wiedervereinigung hat er seine alte Heimat oft besucht und auch urteilend über sie geschrieben, ohne wieder richtig heimisch zu werden. Das Ausscheiden aus dem aktiven „Dienst“ wegen der Erreichung der Altersgrenze im Jahr 1997 ist ihm schwergefallen, weil Beruf und Lebensinhalt, zumal in den späteren Jahren, für ihn eins geworden waren: Journalisten, hat er einmal geschrieben, würden nur so lange bemerkt und geehrt, wie sie schreibend einflussreich seien - danach vergehe der Ruhm schnell.

          Ehrungen wie das Große Bundesverdienstkreuz oder den Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk hat er deshalb mit der ihm eigenen Bescheidenheit entgegengenommen, also nicht ungern, aber dennoch mit geziemender innerer Distanz. Am Sonntag ist Friedrich Karl Fromme in seiner letzten Heimat im Rheinland gestorben.

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