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Friedenstreffen : Die bessere Variante des Religiösen

Dass es so bunt zugehen könnte, dürfte sich Andrea Riccardi im Jahr 1968 nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ausgemalt haben. Als Achtzehnjähriger hatte er im römischen Fischerviertel Trastevere mit anderen Studenten ein verfallenes Kloster besetzt und öffentliche Abendgebete veranstaltet. Die Bibel nahmen die zumeist aus gutbürgerlichem Haus stammenden Invasoren wörtlich: Sie besuchten Arme und Kranke, waren unter den Tiberbrücken und in Altenheimen zu finden. Sechs Jahre später nannten sie sich nach dem Ort ihrer Zusammenkunft „Gemeinschaft von Sant’ Egidio“. Seither hat sich die von der verfassten Kirche noch lange beargwöhnte Gemeinschaft auf allen Kontinenten verbreitet, vor allem in Afrika.

Einen Namen gemacht hat sich Sant’ Egidio indes auch auf der Bühne der internationalen Politik. Als das Friedensgebet der Religionen, das Papst Johannes Paul II. 1986 in Assisi veranstaltet hatte, ein einmaliges Ereignis zu bleiben drohte, machten die vermeintlichen Anarchisten von Sant’ Egidio weiter und luden ihrerseits Repräsentanten verschiedener Religionen nach Trastevere ein. In München wurde jetzt das fünfundzwanzigste Treffen dieser Art begangen – und manch ein Teilnehmer wie der Rabbi David Rosen sprach nicht ohne Stolz davon, dass er schon fast von Beginn an dabei sei. Was Rabbi Rosen nicht sagte: Wie oft er zwischen dem Vatikan und jüdischen Autoritäten vermitteln musste – und konnte.

Das ist gewissermaßen die Innenseite der öffentlichen Diskussionen zwischen den Religionsvertretern aus aller Welt. Viele Gäste der Gemeinschaft sind über alle Grenzen von Kulturen und Religionen hinweg Freunde geworden. So kam eins zum anderen: Spätestens nach dem Frieden zwischen Regierung und Guerrilla von Moambique, der 1992 in Rom besiegelt wurde, standen die Leute von Sant’ Egidio endgültig im Ruf, eher zwischen verfeindeten ethnischen und politischen Gruppen vermitteln zu können als Diplomaten aus westlichen Hauptstädten.

Die von Laien getragene Gemeinschaft

An diesem Ruf hat sich trotz mancher Rückschläge bis heute nichts geändert. Im vergangenen Jahr vermittelten einige Mitglieder in Guinea-Conakry und in Niger – ohne viel Aufhebens, aber so erfolgreich, dass es jetzt auch den guineischen Staatspräsidenten Alpha Condé und den Außenminister Nigers nach München zog. Kein Zufall war es auch, dass alle Gesprächsrunden am Montag und Dienstag, in denen es um die Zukunft der arabischen Welt und den israelisch-arabischen Konflikt ging, von den maßgeblichen Akteuren aus den jeweiligen Ländern bestritten wurden. „Lösungen haben wir nicht, aber die Hoffnung geben wir nicht auf“, sagt Cesare Zucconi, einer der engsten Mitarbeiter von Andrea Riccardi.

Ebenso viel Aufmerksamkeit wie die Konflikte in Nordafrika und in der arabischen Welt fanden in München indes die vielen kleinen Fortschritte im Afrika südlich der Sahara. Paola Germano, ein Mitglied der Gemeinschaft in Rom, berichtete vor einem überfüllten Plenum von „Bravo“, einem Programm, unter dessen Dach mittlerweile Millionen „unsichtbarer“ Kinder behördlich registriert wurden. Und von „Dream“: Vor neun Jahren haben Mitglieder der Gemeinschaft in Moçambique ein Programm zur Behandlung von Aids ins Leben gerufen. Inzwischen haben mehr als 150.000 Patienten kostenlosen Zugang zu überlebenswichtigen Medikamenten. Papst Benedikt XVI. war während seines Besuches in Afrika im Jahr 2009 zu Gast beim „Dream-Projekt“ von Kamerun.

Wie Johannes Paul II. hält auch Benedikt mittlerweile große Stücke auf die von Laien getragene Gemeinschaft. Das Grußwort, das er nach München sandte, trug denn auch seine eigene Handschrift. „Treffen wie dasjenige von Assisi und so auch das gegenwärtige von München sind Gelegenheiten für die Religionen, sich selbst zu erforschen, wie sie Kräfte des Miteinander werden können“, ließ er am Sonntag ausrichten. So hätte er es vor wenigen Jahren nicht formuliert: Noch das Friedensgebet der Religionen, zu dem Papst Johannes Paul II. im Februar 2002 nach Assisi einlud, war dem damaligen Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation nicht geheuer. Jetzt hat Benedikt selbst zu einem Friedensgebet der Religionen im Oktober nach Assisi eingeladen.

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