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Debatte um Schülerbewegung : „Klimapolitik darf keine Frage von rechts oder links sein“

  • -Aktualisiert am

Aktivisten halten ein Transparent mit der Aufschrift „Capitalism kills“ bei einer Fridays-For-Future-Demonstration vor dem Reichstagsgebäude hoch. Bild: dpa

Alexander Mitsch kritisiert, dass Fridays For Future populistisch agiere. FfF antwortet und beruft sich auf die Unterstützung der Wissenschaft. Wir haben Sie gefragt: „Wer hat recht?“ So haben FAZ.NET-Leser geantwortet.

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          Seit Mitte September 2018 demonstrieren tausende Schüler in Deutschland für mehr Klimaschutz. Die Forderungen der Bewegung haben längst politische Dimension – und werfen auch die Frage auf, wie Fridays for Future sich politisch positioniert. Alexander Mitsch, Vorsitzender der Werteunion, kritisiert die Schülerbewegung in einem Gastbeitrag in der F.A.Z. Woche. Laut Mitsch werde Fridays for Future von der radikalen Linken zunehmend instrumentalisiert. Zudem agiere die Bewegung durch „sehr eindimensionale und emotionale Aussagen“ populistisch. Der Vorsitzende der Werteunion fordert deshalb „mehr Respekt für Tatsachen, aber insbesondere für die Meinung der anderen – mehr Sachargumente und weniger Moralisierung“.

          Fridays for Future reagiert auf die Vorwürfe des CDU-Politiker: „Die Klimakrise, das eigentliche Thema“ werde „ignoriert oder banalisiert“, sagen Abiturient Jakob Blasel und Studentin Carla Reemtsma, die beide Mitorganisatoren des Fridays-for-Future-Kongresses in Dortmund waren. Es sei leicht, Fridays for Future Populismus vorzuwerfen, weil sie sich auf ein „Thema, das Klima, fixieren, die Bösen, Politik und Wirtschaft, der Untätigkeit bezichtigen und eine düstere Zukunftsvision prophezeien“. Doch wer sich weiter damit beschäftige, werde feststellen, dass die Populismus-Theorie nicht greife, denn 26.800 Wissenschaftler würden die Bewegung unterstützen. Deshalb fordere FfF: „Hört auf die Experten.“

          Wer hat recht? Wir haben Sie, liebe FAZ.NET-Leser, dazu aufgerufen, uns Ihre Meinung zu Fridays for Future und zum Klimaschutz in der Kommentarfunktion der Artikel mitzuteilen. Entstanden ist eine rege Diskussion – über die politischen Ausrichtung der Bewegung, die Moralisierung der Klimadebatte bis zu der Rolle der Wissenschaft. Wir haben einige Argumente zusammengefasst.

          Politische Ausrichtung

          Alexander Mitsch sieht bei der Schülerbewegung einen zunehmenden Einfluss der radikalen Linken. Fridays for Future bezieht in dem Gastbeitrag zu diesem Vorwurf keine Stellung. Auch FAZ.NET-Leser hat die politische Ausrichtung der Jugendbewegung beschäftigt. Laut Christian Müller nehme die Bewegung bereits radikale Züge an: „Allein die Tatsache, dass FfF signalisiert hat für die eigene Überzeugung kleinere Ordnungswidrigkeiten (Schulgesetzverletzung) zu begehen, kennzeichnet den Anfang einer Radikalisierung.“ Er denke, dass bei FfF-Demos „sehr bald Steine fliegen“. Stefan Wender legt der Schülerbewegung nahe, sich von Linksextremisten zu distanzieren. Denn diejenigen, die die radikale Linke kritisch betrachten, würden „eine starke Abneigung zu der Bewegung“ entwickeln, „was zu genau den Schwierigkeiten bei der Lösungsfindung“ führe, die es aktuell gebe. Auch für Volker Friedmann ist klar: „Klimapolitik darf keine Frage von rechts oder links sein“. Friedmann rät der Schülerbewegung deshalb: „FfF muss die Mitte mitnehmen, um erfolgreich zu sein. Das heißt aber auch, auf begründete oder unbegründete Ängste mancher Menschen, sei es um Arbeitsplätze, Mobilität auf dem Land etc. einzugehen.“

          Moral

          Laut dem Vorsitzenden der Werteunion würde die öffentliche Meinung unter der „zunehmenden Moralisierung“ leiden. Besonders schwierig sei es, wenn „unter Berufung auf die eigene (und einzige) ‚richtige Meinung‘ Gesetze missachtet oder bewusst gebrochen“ würden – wie im Falle von Fridays for Future die Schulpflicht. Fridays for Future betont hingegen, dass Klimaaktivisten „bewusst moralisch“ argumentiere. Denn „moralisierende Forderungen“ hätten zu wichtigen Errungenschaften in der politischen Moderne geführt. Leser Hans Stein unterstützt die Aussagen Mitschs‘: „Moral hat jeder seine eigene, Recht und Gesetz stehen darüber und gelten für alle – besser sollten für alle gleichermaßen gelten. Sie dürften auch nicht mit ethisch-moralischen Begründungen relativiert werden.“

          Auch Hans Peter Kucera unterstützt die Argumentation des CDU-Politikers. Die „linke Moral-Arroganz“ habe den politischen Diskurs zerstört. Und wer sich selbst moralisch überhöhe und andere für schlechtere Menschen halte, könne nichts von ihnen lernen. David Elshorst sieht die Argumentation hingegen kritisch. So versuche Mitsch durch den Verweis auf die „angebliche Moralisierung“ die Schülerbewegung zu diskreditieren – „notdürftig verklammert mit Verweis auf das Angstgespenst der ‚radikalen Linken‘“. Leser Christian Karl Marx bezeichnet es als „irritierend“, dass der Vorwurf des Moralisierens in eine wissenschaftliche Debatte fließt: „Naturgesetze sind nicht moralisch, sie nehmen auch keine Rücksicht auf uns, sie sind einfach da und haben Gültigkeit, ob uns das jetzt in unsere Werteagenda passt, oder nicht.

          Rolle der Wissenschaft

          Fridays for Future berufen sich in ihrem Beitrag auf die Unterstützung der Wissenschaft und fordern dazu auf, „auf Grundlage von wissenschaftlicher Expertise schnell politische Entscheidungen zu treffen“. Denn „schneller Klimaschutz“ sei ein „wissenschaftlich unumstrittenes Anliegen“. Leser Eckhard Bremer sieht die Formulierung „wissenschaftlich unumstritten“ jedoch kritisch. Denn „wer sein eigenes politisches Anliegen für ‚wissenschaftlich unumstritten‘“ erkläre, mache „ganz deutlich, wessen Geistes Kind er sei. Zu allen Zeiten seien politische Projekte für „wissenschaftlich unumstritten“ erklärt worden, schreibt Bremer. „Diese Art von geistigem Totalitarismus hatte auf die Dauer niemals Bestand.“

          Auch Markus Termin kritisiert die Rolle der Wissenschaft: „Junge Menschen müssen vielleicht auch erstmal lernen, dass Wissenschaftler nicht immer die Guten sind. Sie bauen Bomben, stellen Agent Orange her, experimentieren mit Föten.“ Für Scientist-for-Future-Unterstützer, Dr. Markus Vossebürger, ist hingegen klar: „Es geht darum, den Teilen unserer Gesellschaft, die wissenschaftliche Erkenntnisse über die Zukunft unseres Planeten ignorieren, nicht verstehen oder sogar verleugnen, deutlich vor Augen zu führen, welche Risiken ihre Einstellung birgt. Es geht einfach um Aufklärung.“

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