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Fridays for Future : Streik im Kinderzimmer

Abstandsregeln eingehalten: Die Aktivisten haben den Rasen vor dem Reichstag mit Protestbotschaften bedeckt. Bild: AFP

Wegen der Corona-Krise kann Fridays For Future nicht auf die Straßen. Gestreikt wird an diesem Freitag dennoch auf der ganzen Welt: vom Kinderzimmer aus im Netz. Funktioniert das?

          9 Min.

          Es rauscht und knackt im Lautsprecher. „Sind wir schon online?“ fragt Kallan Benson. Sind sie. Einen Moment später haben sich Benson und ihre Mitstreiter mit der Technik arrangiert und der globale Klimastreik anlässlich der „Earth Week“ kann beginnen.

          Im vergangenen Jahr füllten zu diesem Anlass die Aktivisten von Fridays For Future zu Tausenden die Straßen, Wissenschaftler und Musiker standen auf den Bühnen. Doch in der Corona-Krise ist Zu-Hause-Bleiben angesagt, vielerorts die Versammlungsfreiheit eingeschränkt. Die Aktivisten haben deshalb zum digitalen Streik aufgerufen: das Bühnenprogramm wollen sie in einem 24 Stunden dauernden Livestream auf Youtube zeigen, an dem sich FFF-Organisationen aus mehr als 20 Ländern beteiligen, und dessen ersten Slot die 15 Jahre alte Amerikanerin Kallan Benson erhalten hat. Statt den Straßen sollen die Aktivisten das Netz mit Fotos von sich und ihren Schildern fluten. Funktioniert das?

          Gemütlich mit einem Kaffee auf dem Sofa sitzend ist der erste Eindruck: Mitreißend ist der globale Klimastreik aus dem Kinderzimmer nicht. Dabei haben die jungen Aktivisten ihr Programm gut vorbereitet, Videotelefonate mit Forschern, Einspieler und musikalische Einlagen organisiert. In einem Chatfenster können sich die Zuschauer austauschen und Fragen stellen. Doch während Aktivisten und Forscher dozieren schweift man schnell ab, nur wenige Hundert Zuschauer folgen dem Stream. Es fehlen die Gesänge, die Gemeinschaft, die Energie.

          Protestgenerationen von den Studentenunruhen in Berkeley, Paris und Berlin über die Friedensbewegung bis zu Fridays for Future haben davon gelebt, dass Menschen physisch präsent waren. „Den eigenen Körper bei Demonstrationen einzusetzen und ein Risiko einzugehen, die Unversertheit des Körpers aufs Spiel zu setzen, ist zentral“, sagt Sebastian Haunss, Protestforscher der Universität Bremen. An den Protesten gegen Uploadfilter habe sich gezeigt, dass digitale Aktionen Positionen verbreiten können, aber öffentliche Aufmerksamkeit sei erst entstanden, nachdem die Aktivisten auf die Straße gingen. Es sei etwas anderes, dabeizusein, als im Streaming zuzuschauen. Die Klimaproteste etwa leben von den gemeinsamen Rufen: „What do we want?“ „Climate Justice!“ „When do we want it?“ „Now!“ Mit den Demonstrationen werde eine Botschaft nach Außen gesendet und nach Innen das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt, sagt Haunss.

          Aktivisten von Fridays for Future legen vor dem Berliner Reichstag Plakate aus.

          Linus Steinmetz von Fridays For Future Deutschland spricht angesichts der Corona-Krise von einer „riesigen Umstellung“ für die Bewegung. Deren Stärke war bislang die Mobilisierung von Massen auf den Straßen – aber weder Massen noch Straßen seien derzeit das Mittel der Wahl. Geklagt gegen die Einschränkung der Versammlungsfreiheit in Deutschland hat FFF nicht. Sie wollen zeigen, dass „wir jede Krise ernst nehmen“. Bislang würde das digital gut klappen, die Beteiligung an den Planungsgruppen sei sogar gestiegen. Zudem würden Ortsgruppen kleine Aktionen umsetzen. In Frankfurt zum Beispiel haben die Aktivisten an mehreren Plätzen in der Stadt Kreide auslegt, mit der Botschaften auf den Straßen hinterlassen werden sollen. Zu Beginn kontrolliert die Polizei, doch schließlich dürfen die Aktivisten mit Mundschutz, Handschuhen und Abstand und unter den neugierigen Augen der Passanten still vor sich hin malen malen.

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