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„Fridays for Future“-Kongress : Keine Zeit für Sommerferien

Demonstration von „Fridays for Future“ am Freitag in Dortmund Bild: Daniel Pilar

Auf dem Sommerkongress von „Fridays for Future“ halten Sechzehnjährige Workshops – Teenager diskutieren mit dem Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen. Besuch bei einer gut organisierten Bewegung.

          3 Min.

          Man tut „Fridays for Future“ unrecht, wenn man ihren Sommerkongress mit einem Feriencamp vergleicht. Natürlich läuft ein Viertel der Menschen barfuß durch die Gegend, es gibt „Chill-out Areas“, gebaut aus Bio-Limonaden-Kästen, und irgendwo schlendert immer jemand mit einer Lautsprecherbox herum. Aber hier halten auch Vierzehnjährige dem Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen Vorträge über Methangas und CO2-Besteuerung, Sechzehnjährige geben Rhetorik-, Protest- und Rechtsworkshops, die sich sehen lassen können, und egal, wo man ist: Überall wird diskutiert. Über zivilen Ungehorsam, Feminismus, Seenotrettung, Söder und sein plötzlich aufgekeimter Klimaschutz-Enthusiasmus. Die Schüler, die hier sind, so scheint es, wollen ihren Enkeln mal erzählen können, was sie Großes bewegt haben.

          Sarah Obertreis

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Dabei ist die Idee für den Kongress erst zweieinhalb Monate alt. Jakob Blasel, einer der führenden Köpfe der Bewegung, und die Göttingerin Ragna Diederichs haben sie damals in der wöchentlichen Telefonkonferenz von „Fridays for Future“ vorgestellt. Danach hat ein Team aus rund 15 Jugendlichen die Vorbereitungen übernommen. Die Stadt Dortmund hat ihnen eine Wohnung zur Verfügung gestellt, die so groß ist, dass Diederichs sich nicht sicher ist, wie viele Zimmer sie eigentlich hat – obwohl die Achtzehnjährige dort selbst zwei Monate gelebt hat. Es war das erste Mal, dass Diederichs länger als zwei Wochen von zuhause weg war. Man merkt ihr die Überraschung über die eigenen Leistungen an, auch wenn nicht alles wie geplant verlief. Ursprünglich sollten 3000 Jugendliche zu dem Kongress kommen, aber das Organisationsteam merkte irgendwann, dass sie das nicht schaffen würden. Zu viele Sicherheitsauflagen, zu wenig Zeit. Jetzt sind etwa 1700 Aktivisten da.

          Mehr Aufmerksamkeit für die Umwelt: Demonstration in der Dortmunder Innenstadt
          Mehr Aufmerksamkeit für die Umwelt: Demonstration in der Dortmunder Innenstadt : Bild: Daniel Pilar

          Am Freitag streiken die Kongressteilnehmer wie gewohnt. Auf der Abschlusskundgebung in der Dortmunder Innenstadt ist es ungewöhnlich ruhig, fast alle haben sich auf den Asphalt gesetzt. Wie anstrengend Protest ist, vor allem wenn man eigentlich noch mit Aufwachsen beschäftigt ist, wird auf dem Sommerkongress immer wieder deutlich. Während der Panels schlafen Leute ausgestreckt auf dem Boden ein, überall liegen Jugendliche im Gras. Keiner hat den älteren Teilnehmern Alkohol verboten, aber es trinkt trotzdem niemand. Weil es so viel zu tun gebe, vermutet Julius Obhues von der Ortsgruppe Dortmund.

          Maximale Rücksichtnahme und Ruhe

          Er und die anderen Organisatoren haben ein „Awareness“-Zelt eingerichtet, wo alle hingehen können, die gerade unglücklich sind. Auf der Demo, als die Sonne vom Himmel prallt, rufen sie immer wieder durch die Megafone: „Leute, trinkt genug, bedeckt eure Köpfe!“ Unter den Aktivisten hat sich eine Kommunikationsform etabliert, die auf maximale Rücksichtnahme und Ruhe ausgelegt ist. Geklatscht wird kaum, stattdessen recken die Jugendlichen als Zeichen des Beifalls ihre wackelnden Hände in die Luft. Reden doch mal Aktivisten durcheinander, machen die anderen den Schweigefuchs – die Finger einer Hand aneinander gelegt, vom Daumen gestützt.

          Verpflegung im Sommercamp: Teilnehmer von „Fridays for Future“ bereiten das Abendessen vor.
          Verpflegung im Sommercamp: Teilnehmer von „Fridays for Future“ bereiten das Abendessen vor. : Bild: Daniel Pilar

          In den vergangenen Ferienwochen ist „Fridays for Future“ leiser geworden, die Zahl der demonstrierenden Schüler ist zurück gegangen. Ob die Bewegung an Zulauf verliere, wurden Blasel, Luisa Neubauer und die anderen gefragt. Carla Reemtsma, Mitorganisatorin und eines der bekanntesten Gesichter der Bewegung, sagt: „Auf die Zahlen der Demonstranten kommt es schon lange nicht mehr an.“ Vielmehr gehe es darum, kontinuierlichen Druck aufzubauen, überall präsent zu sein. „Fridays for Future“ schätzt, dass sich momentan rund 5000 Jugendliche in Deutschland aktiv für die Bewegung engagieren.

          Die nächste große Demonstration ist am 20. September geplant. Das erste Mal ruft „Fridays for Future“ auch die arbeitende Bevölkerung zum Streik auf. Für den weltweiten Aktionstag haben die Aktivisten einen Flyer in der Zeitungsoptik der „Bild“ designt. „Wie Politik und Wirtschaft unsere Kinder beklauen und mit welchen Tricks wir etwas dagegen tun können!“ titeln sie in Großbuchstaben. Reemtsma erklärt, sie wollten mit dem schwarz-roten Design mal andere Menschen ansprechen. Dass der überwiegende Teil der Demonstranten bisher aus dem gutbürgerlichen Milieu kommt, ist den „Fridays for Future“-Köpfen bewusst, auch wenn sie – abgesehen vom Flyer – wenig tun, um ein heterogeneres Protestpublikum zu gewinnen.

          Helena Marschall, ebenfalls im Organisationsteam für den Sommerkongress und aus Frankfurt, findet es nicht schlimm, dass unter den Aktivisten fast nur Gymnasiasten und Studierende sind. Es sei nur natürlich, dass Menschen, die wenig andere Probleme hätten, mehr Zeit in den Kampf gegen den Klimawandel investieren könnten. Wie sehr die Demonstranten dadurch ihre eigene Blase verfestigen, versuchen ihnen am Samstag ein Verdi-Vertreter und der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, klarzumachen. Alle Hoffnungen, dass eine CO2-Steuer nicht auf die Bürger abgewälzt werden würde, müssten die Aktivisten begraben, sagt Schmidt, der sich auf der Bühne sichtlich bemüht, auf einer Augenhöhe mit den Jugendlichen zu sprechen. Sein Altersgenosse von Verdi fordert eine niedrige Einstiegssteuer, um Menschen, die wenig haben, nicht sofort zu Gegnern der Klimaschutzpolitik zu machen. Die Aktivisten gehen nicht darauf ein. Stattdessen streitet sich Carla Reemtsma so lange mit Wirtschaftsforscher Schmidt, bis dieser entnervt sagt: „Meine Argumentation ist nicht wirr, das ist halt die reale Welt!“ Vom Publikum erntet er nur Zwischenrufe und empörte Blicke.

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