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„Fridays for Future“-Kongress : Wie ungehorsam sollen wir sein?

Bäume pflanzen für das Klima: „Fridays for Future“-Aktivisten vor der RWE-Zentrale in Dortmund Bild: EPA

Seit acht Monaten protestiert „Fridays for Future“ für mehr Klimaschutz. Während des Sommerkongresses in Dortmund probiert sich die Bewegung an extremeren Protestformen – und gerät aneinander.

          Nach rund einer Stunde vergeht den Polizisten das Lächeln und sie sind sichtlich genervt. Dabei hatte der vergleichsweise kleine Klimastreik der Fridays for Future Bewegung an diesem Freitag in Dortmund so schön geordnet angefangen. Selbst das Ende war – von einer kurzen La-Ola-Welle mitten auf der ungesperrten Kreuzung am Stadtpark abgesehen – in genauer Absprache mit den Beamten verlaufen. Ein älterer Aktivist beschwerte sich bei einem Ordner: „Bisschen mehr zivilen Ungehorsam, bitte.“ Eine Gruppe von 20 Demonstranten durfte für exakt drei Grünphasen die Ampel blockieren, genau ein Auto hupte, weil Polizisten und Aktivisten zwischen den Wagen entlang liefen und den Fahrern erklärten, dass hier gerade für Klimaschutz demonstriert werde. Der Mercedes-Fahrer ganz vorne in der Reihe machte grinsend Selfie-Videos. Nach exakt drei Grünphasen rief ein Aktivist: „Leute, es wird Zeit“ und alle erhoben sich brav.

          Der wirkliche Protest begann wenig später in der Fußgängerzone. Die rund 800 Demonstranten hatten sich in etwa 20 „Tentakel“ aufgeteilt. Während ein „Tentakel“ mit Flyern und vereinzelten Sprechchören schüchtern versuchte, die Aufmerksamkeit der Karstadt-Tüten-Träger zu bekommen, legten sich die anderen vor Drogerie- und Discountereingänge auf den Boden. Kam ein Kinderwagen, klappten sie die Beine hoch. Im H&M zogen Aktivisten den Schaufensterpuppen T-Shirts über: „Heuchelei & Mord“ stand da drauf, statt „Hennes & Mauritz“. Selbst das fanden die Polizisten irgendwie noch akzeptabel, die Demonstranten verließen die Modefiliale ja schnell wieder.

          Der Star kommt in knalltürkis und lila

          Bis zu diesem Zeitpunkt waren alle Aktionen der Aktivisten abgesprochen und gemeinsam geplant gewesen – am Tag zuvor während des „Fridays for Future“-Sommerkongresses am Rande der Stadt. Die Klimabewegung ist strikt basisdemokratisch organisiert, über jede Entscheidung wird gemeinsam abgestimmt. Das führt dazu, dass es weder einen Demo-Leiter, noch einen offiziellen Pressesprecher gibt. Der Star der deutschen „Fridays for Future“-Bewegung, Luisa Neubauer, ist an diesem Tag unter den hunderten Jugendlichen nur zu erkennen, weil sie eine knalltürkis und lilafarbene Regenjacke trägt. Auf ein Streifen Klebeband hat sie ihren Namen geschrieben, Luisa, und auf ihre Jacke geklebt. Als wüsste nicht sowieso schon jeder Anwesende, wie sie heißt.

          Wie kompliziert es bei einer basisdemokratisch organisierten Bewegung wird, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, zeigt eben jener Moment, als den Polizisten das Lächeln vergeht. Die Demonstranten haben es mitten im Ruhrgebiet natürlich nicht nur auf Modeketten und Discounter-Filialen abgesehen. Schon während die anderen den Schaufensterpuppen noch eigene T-Shirts überziehen, besetzen etwa sechzig Demonstranten den Eingang des schwarz verspiegelten Hochhauses von RWE und skandieren „Hambi bleibt“ und „RWE – scheiße“. Sie haben ein Herz aus Pflanzen auf den Asphalt vor dem Energieversorger-Gebäude drapiert und „Erde“ darüber geschrieben. Das mit den Pflanzen war geplant, das mit der Blockade nicht.

          „Bleiben oder gehen?“

          Die Empfangsfrauen haben sich an die hintere Wand der Eingangshalle zurückgezogen und beraten sich mit besorgten Mienen. Pressesprecher Markus – so steht es zumindest auf dem Klebestreifen auf seinem T-Shirt – ist begeistert. „Das mit der Besetzung war ein ganz spontaner Einfall von uns“, sagt er. Als ein Polizist kommt und die Demonstranten höflich bittet, die Eingangstüren freizumachen, werden hektisch Abstimmungen organisiert: „Bleiben oder gehen?“ Markus unterbricht sie: „Es sind sowieso noch nicht genügend Polizisten da, um uns zu räumen.“ Ein paar Aktivisten zögern, aber dann bleiben doch alle.

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