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Fridays for Future : „Greta war nur noch ein Auslöser“

Bild: AFP

Seit zehn Monaten gehen Tausende bei Fridays for Future auf die Straße – aber hat die Bewegung wirklich etwas erreicht? Klimaforscher Mojib Latif hat im Gespräch eine eindeutige Meinung dazu.

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          Herr Latif, ist es wirklich Gretas Verdienst, dass Fridays for Future so bekannt geworden ist oder standen die Zeichen nicht vorher schon auf Klimaschutz?

          Die Zeit war einfach reif. Zu Greta und Fridays for Future kam das Youtube-Video von Rezo. Der hat noch mal klar gezeigt, dass sich nichts tut in Sachen Klimaschutz. Immer mehr Menschen bemerken die Worthülsen in der Politik und dass in Wirklichkeit nichts passiert. Man muss sich doch nur den CO2-Ausstoß angucken. Weltweit steigen die Emissionen trotz des Pariser Klimaabkommens immer weiter, in Deutschland stagnieren sie schon seit zehn Jahren. Irgendwann fällt das jedem auf.

          Spielten die Temperaturen in diesem Sommer eine Rolle?

          2018 war unglaublich und dieses Jahr gab es schon wieder einen Hitzerekord: 42,6 Grad. Das muss man sich mal vorstellen! Die Herausforderung ist so deutlich zu sehen, Greta war da nur noch ein Auslöser.

          Als der Dieselskandal vor vier Jahren bekannt wurde, schienen die Umweltprobleme, die die Abschalteinrichtungen mit sich brachten, noch das kleinste Thema zu sein.

          Deutschland ist nun mal sehr stark von der Automobilindustrie abhängig und deswegen ist die Industrie auch träge. Aber es gibt noch viele andere Dinge, die die Leute stören. Die Bahn zum Beispiel, die nicht ordentlich fährt. Es gibt Regionen, die überhaupt nicht mehr angebunden sind. Dann muss man im Stau stehen, obwohl man eigentlich gar nicht mit dem Auto fahren will.

          Mojib Latif leitet die Forschungseinheit Maritime Meteorologie am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

          Sie haben im vergangenen Jahr kritisiert, de facto gebe es immer noch keinen Klimaschutz, weder in Deutschland noch weltweit. Haben Sie Ihre Meinung mittlerweile geändert?

          Nö. Warum sollte ich? Es gab weltweit noch nie so hohe CO2-Emissionen wie 2018, in Deutschland passiert auch nichts. Stattdessen fahren immer mehr SUVs durch die Gegend. Alles blickt auf morgen, auf das Klimakabinett, aber ich glaube nicht, dass da der große Wurf kommt.

          Würden Sie denn trotz allem sagen, dass Fridays for Future etwas erreicht hat?

          Naja, so richtig noch nicht. Aber es hat Aufmerksamkeit erzeugt und erreicht, dass viele Menschen sich inzwischen für Klimaschutz engagieren. Es gibt ja nicht nur Fridays for Future, es gibt auch Scientists for Future, wo ich selbst dabei bin, und viele andere Bewegungen. Vorhin hat mich jemand von Parents for Future angerufen. Ich habe immer gesagt: Die Zivilbevölkerung muss sich des Themas annehmen. Ohne Druck von unten, passiert oben nichts. Das ist einfach so.

          Die Jugendlichen erfüllen also einen wichtigen Zweck?

          Auf jeden Fall. Ich hoffe nur, dass das Engagement nachhaltig ist, dass die Leute, die jetzt im Schlepptau der Fridays for Future-Bewegung aktiv sind, nicht einschlafen. Wir müssen Klimaschutz einfordern, sonst passiert nichts.  

          Um eine stark debattierte Frage aufzugreifen: Kann der Einzelne denn überhaupt etwas verändern?

          Ja, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – alle müssen mitmachen. Außerdem: Wie sollen wir glaubwürdig für Indien sein, wenn wir selbst fünf Mal so viel CO2 ausstoßen wie jemand, der in Indien lebt?  Ein Deutscher emittiert etwa zehn Tonnen pro Jahr, ein Inder gerade mal zwei. Da kann man sich nicht hinstellen und sagen: Jetzt tut mal was für den Klimaschutz. Wenn wir den Hambacher Forst abholzen, können wir von Bolsonaro nicht verlangen, dass er sich für den Regenwald einsetzt. Ansonsten ist das Ganze wenig glaubwürdig.

          Nirgendwo auf der Welt hat Fridays for Future so viele Menschen mobilisieren können wie in Deutschland. Wieso ist die Bewegung hier so stark?

          In Deutschland wurde die Klimadebatte immer schon sehr prominent geführt, anders als zum Beispiel in Frankreich. Von Amerika wollen wir gar nicht erst sprechen.

          Die älteren Generationen haben hier also Vorarbeit geleistet?

          Genau.

          Fridays for Future ist nun seit knapp zehn Monaten aktiv. Sind Sie optimistischer geworden in Sachen Klimaschutz?

          Auf jeden Fall habe ich jetzt viele Mitstreiter. All die Jahre habe ich mich ziemlich alleine gefühlt. Es macht schon mal deutlich mehr Spaß, wenn viele für den Klimaschutz eintreten.

          Nicht nur die Grünen sind im Moment in den Umfragen sehr stark, auch die AfD hat bei den letzten Landtagswahlen wieder zugelegt. Die Partei bestreitet einen menschengemachten Klimawandel. Wird es angesichts dieser Gegensätze einen Konsens beim Klimaschutz geben?

          Ich glaube schon. Sie werden nie hundert Prozent haben, das ist klar, aber 80 Prozent werden reichen. Und so viele sind es, die sich eindeutig für Klimaschutz aussprechen. Auch wenn die Methoden und Maßnahmen unterschiedlich sind.

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