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Fridays for Future : Klima ohne echten Streik

Viele Plalakte vor dem Reichstag Bild: AP

Fridays for Future in der Findungsphase: Klima ist derzeit kein Thema, Streik womöglich das ganze Jahr nicht möglich. Die jungen Aktivisten suchen nach anderen Möglichkeiten der Einflussnahme.

          3 Min.

          Was macht eine Bewegung, die eigentlich vom Massenprotest lebt, von zehntausenden jungen Menschen, die auf den Straßen Schilder hochhalten, wenn das Kontaktverbot das Demonstrieren unmöglich macht? Der globale Klimastreik, der am Freitag stattfand und schon vor der Corona-Krise terminiert worden war, wanderte ins Netz. In einem internationalen Stream sprachen Klimaaktivisten aus Polen oder Indien über die Lage in ihren Ländern. Den stellenweise etwas monotonen Vorträgen, die aus WG-Zimmern übertragen wurden, folgten nur wenige hundert Zuschauer. In Deutschland überlegten sich die jungen Aktivisten andere Formen des Protests: Auf der Wiese vor dem Reichstag legten sie Hunderte Plakate aus, die in vielen der über 500 Ortsgruppen im gemalt und nach Berlin geschickt worden waren, um ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen. In der Corona-Krise dürfe der Klimaschutz nicht aus dem Blick geraten.

          Timo Steppat
          Redakteur in der Politik.

          Unter Einhaltung des Abstandsgebotes führen im deutschen Proteststream bei Youtube zwei Moderatoren vor dem Reichstag durchs Programm. Beiträge von Musikern werden eingespielt, die über den Klimaprotest rappen. Wenn dann auch noch der Ton ausfällt, wie es stellenweise geschieht, erinnert es beinahe an die Anfänge des Musikfernsehens. Die Beteiligung ist aber vorhanden. Fast 20.000 Nutzer schauen sich den Stream an. In vielen Städten wie in Münster, Köln oder Frankfurt haben die Demonstranten Plakate vor Rathäusern ausgelegt. Eines der größeren Probleme ist, dass nicht zu viele Fotografen und Journalisten gleichzeitig kommen – und womöglich das Abstandsgebot missachten.

          „Auch wenn Corona nicht wäre, müssten wir klären, wo wir stehen.“

          Für die jungen Aktivisten ist es eine schwierige Zeit. Im vergangenen Jahr gab es ein klares Ziel, für das sie kämpfen konnten: Die Bundesregierung zu einer schärferen Klimagesetzgebung zu drängen. Damit sind sie aus Sicht vieler gescheitert. Der Kieler Aktivist Jakob Blasel, einer der führenden Köpfe der Bewegung, sagt der F.A.Z.: „Auch wenn Corona nicht wäre, müssten wir klären, wo wir stehen. Viele fühlen sich in ihrem demokratischen Verständnis nicht gehört.“ 2020, eigentlich ein wichtiges Jahr für die Klimadiplomatie und das Paris-Abkommen, wollte die Bewegung besonders auf europäischer Ebene Einfluss nehmen. Auf die Europäische Union und ihren geplanten „Green New Deal“, der nun verschoben ist, und auf die Staaten, die bis zur ebenfalls verschobenen Klimakonferenz in Glasgow die Erhöhung ihrer Einsparungen für Treibhausgase bekannt geben sollten. Bislang haben als letzte größere Länder Chile und Japan ihre Ziele bekannt gegeben. Japan gab das trotzige Signal, seine Einsparungen nicht erhöhen zu wollen. Klimaschutz, so der Eindruck vieler Fachleute, spielt eine nachgeordnete Rolle.

          Die Klimabewegung in Deutschland will sich darauf konzentrieren, auf die Konjunkturmaßnahmen Einfluss zu nehmen. „Entscheidend ist, dass wir auf europäischer Ebene Einfluss nehmen, wenn die Wirtschaft wieder hochfährt“, sagt Blasel. „Alle Fördermaßnahmen, die beschlossen werden, müssen auch einen ökologischen Nutzen haben.“ Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) haben sich schon ähnlich geäußert. Für das Weltklima ist jedoch die Rolle der Schwellenländer nach dem Ende der Pandemie und bei der Bekämpfung der Rezession entscheidend.

          Gibt es überhaupt noch Straßenproteste 2020?

          Gleichzeitig bekommen die Klimaaktivisten in sozialen Netzwerk den Vorwurf zu hören, dass es zynisch sei, sich für die Senkung von Treibhausgasen einzusetzen, während täglich viele Menschen am Virus sterben. Bei der Demonstration am Freitag geht es auch um die humanitäre Krise von Flüchtlingen, um die Krise der Pflege. „Jetzt ausschließlich über das Klima zu sprechen, käme mir falsch vor“, sagt hingegen Blasel. Aus der Corona-Krise einen Impuls für die Bekämpfung der Klimakrise zu gewinnen, hatte etwa Luisa Neubauer gefordert. Blasel sieht das anders: „Es kann nicht unser Anspruch sein, wegen des Klimaschutzes wie in der Steinzeit zu leben und auf jeglichen Komfort zu verzichten“, sagt Blasel. Für ihn sei die Corona-Krise keine Inspiration, sie hindere nur daran, langfristige Lösungen für den Klimaschutz zu finden.

          Wann ein nächster Klimastreik stattfindet, darauf will man sich nicht festlegen. Die Aktivistin Carla Reemtsma, von Anfang an dabei, hält es für unwahrscheinlich, dass in diesem Jahr noch ein großer Straßenprotest stattfindet. Es gehe darum, andere Formen der Einflussnahme zu finden. Welche das sein könnten, darauf gibt es im Moment noch keine Antwort.

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