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Klimaprotest in Köln : Schüler üben schon mal den „typischen Blockadesitz“

„Fridays for Future“ in Köln: Die Teilnehmer wollen bis Freitag rund um die Uhr demonstrieren. Bild: dpa

In Köln demonstriert „Fridays for Future“ fünf Tage lang ununterbrochen – und trainiert dabei auch, Gleise zu blockieren. Die Sommerferien sind die erste große Bewährungsprobe für die Bewegung.

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          Vor dem Kölner Rathaus herrscht Zeltlagerstimmung. Neben den Dixi-Klos putzt sich eine Jugendliche die Zähne. Sie hat hier mit mehr als 60 anderen Aktivisten von „Fridays for Future“ die Nacht von Dienstag auf Mittwoch verbracht. Drei Pavillons und ein größeres Schlafzelt stehen auf dem Alter Markt. „Wenn Freitage nicht reichen, streiken wir eben die ganze Woche“, ist auf einem Transparent zu lesen.

          Seit Montag demonstrieren die Schüler und Studenten. Es ist die letzte Woche vor den Schulferien in Nordrhein-Westfalen. Für die junge Bewegung, die Ende vergangenen Jahres aufkam, werden es die ersten großen Ferien sein. Freitag für Freitag hat sie junge Menschen auf die Plätze deutscher Städte getrieben. Was wird aus ihr werden in den kommenden sechs Wochen? Werden sich nach den Ferien noch so viele Schüler wie heute für sie interessieren? Oder ist sie dann schon Geschichte? In Köln jedenfalls deutet vieles darauf hin, dass die Bewegung ihre freie Zeit nutzen will.

          „Überlegt euch, wie ihr reagieren wollt“

          Am Dienstag proben sie erst einmal für den Ernstfall. 23 junge Leute sitzen an Tag zwei des offiziell als „Mahnwache“ angemeldeten Streiks „für mehr Klimagerechtigkeit“ Rücken an Rücken auf dem Boden. Sie sollen sich vorstellen, sie säßen auf Gleisen. Die Schüler und Studenten haken sich mit Armen und Beinen bei ihren Nachbarn ein. Eine junge Frau mit blonden Haaren macht eine letzte Ansage, bevor es los geht: „Überlegt euch, wie ihr reagieren wollt.“

          Der „typische Blockadesitz“, bei dem die Arme unter den Knien verschränkt werden, ist eine Variante. In dieser Position – das hat die junge Frau vorher erklärt – werden nur zwei Beamte beansprucht, um den Demonstranten wegzutragen. Mehr Einsatzkräfte seien erforderlich, wenn die Aktivisten alle Muskeln entspannten und sich möglichst schwer machten. Einfach aufstehen und mitgehen sei aber auch okay.

          „Guten Tag, hier spricht die Polizei“, tönt es bald aus dem Megafon. „Ich bitte Sie, die Blockade aufzuheben.“ Nach ein paar Sprüchen und Gerangel lassen sich die jungen Leute auf die ein oder andere Weise wegtragen.

          Anna, eine 21 Jahre alte Studentin aus Köln, hat bei der Übung mitgemacht. Ob sie sich das auch in der Realität vorstellen könnte? „Zum jetzigen Zeitpunkt eher nicht“, sagt sie. Ausschließen will sie es aber nicht. Sie ist gekommen, obwohl am Donnerstag eine Prüfung in der Fachhochschule ansteht.

          Justus, der eigens aus Berlin angereist ist, geht in die zwölfte Klasse und hat schon erste Blockade-Erfahrungen hinter sich. Er sagt, er sei im Juni bei den Protesten von „Ende Gelände“ im rheinischen Braunkohlerevier mit dabei gewesen. Da habe er dreieinhalb Stunden von der Polizei eingekesselt in der prallen Sonne gesessen.

          Wie nah sich linksradikale „Ende Gelände“-Aktivisten und die Schülerbewegung stehen, war Ende Juni eine Frage, die vor allem die Aachener Sicherheitsbehörden beschäftigte – vor der ersten internationalen „Fridays for Future“-Demonstration in Aachen. Dort fürchtete die Polizei einen spontanen Zusammenschluss der „Fridays for Future“-Aktivisten mit „Ende Gelände“-Demonstranten, einem nach Einschätzung des Verfassungsschutzes stark von der linksextremistischen „Interventionistischen Linken“ beeinflussten Bündnis. Kurz zuvor hatte sich „Fridays for Future“ in einer Pressemitteilung nämlich ausdrücklich mit „Ende Gelände“ solidarisiert: „Wir erachten zivilen Ungehorsam als legitime Protestform. Er ist zwingend notwendig zum Schutz unserer Zukunft“, schrieben die Klimaaktivisten.

          Die Angst vorm Schwänzen ist verflogen

          Joana bereitet am Dienstag auf dem Alten Markt erst einmal neue Transparente vor – für Freitag, aber auch „generell“, wie die 15 Jahre alte Schülerin sagt. Die jungen Leute wollen in den Ferien weitermachen mit ihrem Protest.

          Am Freitag bekommt Joana ihr Zeugnis. Mit 18 Fehlstunden, die auf das Konto von „Fridays for Future“ gehen. „Am Anfang hatte ich noch Angst wegen Schule-Schwänzen“, sagt sie. Doch das habe sich gelegt. „Das wir auch in den Ferien kommen, zeigt, dass es um die Sache geht und nicht ums Schwänzen“, sagt sie und quetscht die schwarze Farbe aus der Tube.

          Anfang August wird es einen fünftägigen „Sommerkongress“ in Dortmund geben. Für September haben Greta Thunberg, Luisa Neubauer und andere Aktivisten zu einem weltweiten Streik aufgerufen, an dem ausdrücklich auch Erwachsene teilnehmen sollen.

          Neben dem Küchenpavillon, in dem die Jugendlichen gerade einen Linseneintopf kochen, haben einige Erwachsene einen Stehtisch mit grüner Decke und Rosmarin-Pflänzchen aufgebaut. Über Hol- und Bringdienste gehe ihr Einfluss nicht hinaus, sagt Markus Burbach. Der Mitfünfziger aus der Kölner Ortsgruppe hebt hervor, dass die jungen Leuten unabhängig seien. „Das machen die alles selber.“

          Schon zweihundert Ortsgruppen der „Parents for Future“, also von Erwachsenen, die mit der Bewegung sympathisieren, hätten sich gebildet, sagt Burbach. Er ist sich sicher, dass die Sommerferien die Bewegung nicht lähmen werden. „Das wird jetzt nicht gestoppt.“

          Während am Dienstag draußen auf dem Platz Musikgruppen spielen und Vorträge zur Erderwärmung gehalten werden, tagt im Rathaus nebenan der Rat der Stadt Köln. Auf der Besucher-Empore sitzt auch Pauline Brünger. Auf dem grauen Pulli der Schülerin mit den schulterlangen Haaren klebt ein Schild mit der Aufschrift „Versammlungsleitung“. Sie wartet auf Punkt 10.29 der Tagesordnung; die Erklärung des Klimanotstands für die Stadt Köln soll beschlossen werden. Anlass für den Wochenstreik sei die Ratssitzung aber nicht gewesen, sagt eine Sprecherin von „Fridays for Future“.

          Die meisten Jugendlichen, die mit Brünger zur Ratssitzung um 14 Uhr gekommen waren, sind nicht mehr da, als gegen Abend endlich ihr Thema dran ist. Um 19.45 Uhr dringen die Rufe einiger Demonstranten durch die hohen Fenstern des Ratssaals, der nicht unmittelbar am Alter Markt liegt: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“

          „Da draußen“, wird ein AfD-Politiker später sagen, seien ja die „Krakeler“ schon zu hören. Unmut im Saal. „Das Klima“, sagt er, „ist ein hochkomplexes, chaotisches System.“ Brünger hört immer noch zu. Als eine parteilose Politikerin ans Mikrophon tritt und sagt, dass die Enttäuschung der jungen Menschen „bis hier hin“ zu hören sei, ertönt hier und da ein gedehntes „Oooh“.

          Brünger hat das offenbar getroffen. Nachdem Oberbürgermeisterin Henriette Reker um 19.30 Uhr feststellen konnte, dass der Antrag „mit großer Mehrheit“ angenommen wurde, geht die Schülerin hinaus zur ihren Mitstreitern. Sie beschwert sich, „wie über ‚Fridays for Future‘ geredet wurde“. Die Politiker hätten gesagt, „dass wir so verzweifelt sind, dass wir eine ganze Woche streiken müssen“, sagt sie; und dann sei ein traurig-ironisches „Oooh“ durch die Reihen gegangen. Die Bewegung fühlt sich nicht ernst genommen.

          Der Beschluss des Kölner Stadtrats geht den Demonstranten nicht weit genug. Der Stadtrat hatte den Klimanotstand ausgerufen und beschlossen, „dass die Eindämmung des vom Menschen verursachten Klimawandels in der städtischen Politik eine hohe Priorität besitzt“. Der Beschluss verpflichtet die Verwaltung unter anderem dazu, den Fraktionen regelmäßig über die Folgen von CO2-Emissionen und über die städtischen Gegenmaßnahmen zu berichten.

          „Hohe Priorität“ ist den jungen Leuten aber zu wenig; für sie hat das Thema „höchste Priorität“. Die rund 30 Jugendlichen stimmen einen Chor an: „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten, wer war mit dabei, die grüne Partei.“

          „Wir fühlen uns von keiner Partei genug verstanden“

          Auch Lili, eine Sprecherin der Bewegung, zeigt sich später schockiert über die „Respektlosigkeit“ der Politiker. „Wir fühlen uns von keiner Partei genug verstanden und ernst genommen“, sagt die 19 Jahre alte Aktivistin. Sie schätzt, dass am Montag rund 200 Leute gestreikt haben, am Dienstag sogar 300.

          Lili darf offizielle Fragen wie jene nach der Teilnehmerzahl beantworten, weil sie zum Presseteam gehört – auch bei den „Fridays“ hat alles seine Ordnung. Die AG für Infrastruktur hat die beiden Dixi-Klos und das Übernachtungszelt organisiert. Die AG Essen bereitet mit einer Foodsharing-Gruppe die Mahlzeiten vor und die Programm AG kümmert sich um die Inhalte. Auch für das Wohlbefinden der Teilnehmer sind bestimmte Aktivisten zuständig.

          Gemeinschaftsgefühl und Zusammenhalt sind den Schülern und Studenten wichtig. Am Rande einer Technoparty, die zum Programm gehört, erzählt der 16 Jahre alte Konrad von seinen Erfahrungen. Er sagt, er habe viele Freunde bei den „Fridays for Future“ gefunden. Neben dem Klima hätten kaum noch andere Themen in seinem Leben Platz. Seine Gruppe in Köln sei „sehr antikapitalistisch“. Er würde aber nicht sagen, „dass wir automatisch in den Sozialismus wechseln müssen“. Aber einen grünen Kapitalismus gebe es nicht. Eine Idee, welches politische System seinen Vorstellungen besser entspräche, hat er nicht. „Ich glaube nicht, dass es unsere Aufgabe ist, die Lösung zu finden“, sagt er. Aber das sei seine private Meinung.

          Der Auftrag der Jugend scheint der Protest zu sein. Und der läuft in Köln friedlich ab, wie auch die Polizei am Mittwoch bestätigt. Gemächlich spaziert ein Beamter über den Alter Markt. „Wir hätten euch eben gebraucht“, ruft ihm ein Aktivist zu. „Hättet ihr anrufen müssen“, sagt der Beamte trocken. Daraufhin verkündet der junge Mann stolz: „Wir haben Polizeisperren-Durchbrechen geübt.“

          Die Sonne scheint, in den Brauhäusern nippen Touristen an ihrem Kölsch. Ein Mann mit weißem Haar trägt ein Schild mit den kölschen Originalen Tünnes und Schäl vor sich her. Sagt der eine: „Klimawandel?“ Darauf der andere: „Et hätt noch immer jot jejange.“

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