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Klimaproteste : Blockade oder Fahrradtour?

  • -Aktualisiert am

Umstritten: Die Berliner Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die für eine Protestveranstaltung im Sommer 29,95 Euro Eintritt pro Person verlangt. Bild: dpa

An diesem Freitag hält die Bewegung „Fridays for Future“ bundesweit 500 Aktionen ab. In Köln will sie Straßen, in Frankfurt Geschäfte blockieren. Anderswo reicht ihr aber auch eine Radtour oder ein veganes Frühstück aus.

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          Manchmal wird der eigene Erfolg zum Problem. Als im September die Bundesregierung ihr Klimaschutzpaket schnürte und wenige Tage später der UN-Klimagipfel in New York begann, gingen in Deutschland 1,4 Millionen Menschen auf die Straße – mehr als Atomkraftgegner und die Friedensbewegung je auf einmal mobilisieren konnten. Wenn an diesem Freitag nach zwei Monaten der nächste globale Klimastreik stattfindet, werden aller Voraussicht nach deutlich weniger Menschen daran teilnehmen. Daran lassen die medienerfahrenen Organisatoren, die sich mit Erwartungsmanagement auskennen, keinen Zweifel. Hunderttausend Demonstranten hätten vor einem Jahr noch als großer Erfolg gegolten. Nach den zurückliegenden Monaten könnte eine solche Größenordnung allerdings als Dämpfer gewertet werden.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Auch deshalb setzt „Fridays for Future“ am Freitag auf 500 Aktionen, die über das ganze Land und eine Vielzahl der mehr als 600 Ortsgruppen verteilt sind, und weniger auf Massenproteste wie im September. Viele der Aktionen klingen harmlos. Mal ist ein veganes Frühstück geplant, mal ein Kleidertausch, der auf eine klimabewusste Lebensweise hinweisen soll. Andernorts sollen Fahrraddemonstrationen für mehr Radwege stattfinden. In Köln aber plant die lokale Gruppe von „Fridays for Future“ am Ende der Demonstration eine Straßenblockade. „Der Schulstreik hat am Anfang stark polarisiert, jetzt ist er zur Normalität geworden, und wir gehen einen Schritt weiter“, sagt Maira Kellers, Sprecherin von „Fridays for Future“ in Köln. „Jeder der Demonstranten kann entscheiden, ob er am Ende der Demo die Straße mitblockiert.“

          Gegen den „Black Friday“

          Innerhalb der Bewegung führt das zu Diskussionen. Viele halten zivilen Ungehorsam für den richtigen Weg, befürchten aber, dadurch einen Teil des Rückhalts zu verlieren. „Extinction Rebellion“, die aus Großbritannien stammende radikale Schwester des Schülerstreiks, hat im Oktober Teile Berlins lahmgelegt. Viele Anwohner waren vor allem genervt. Das war zwar Absicht, trägt aber nicht unbedingt dazu bei, die Bundesregierung unter Druck zu setzen. Aber die Enttäuschung über den Klimakompromiss ist groß; in der Ankündigung zur Demo heißt es, die Bundesregierung habe „den Mittelfinger ausgestreckt“. Nun werden radikalere Aktionen diskutiert. So in der Frage, ob an diesem Freitag, am „Black Friday“ also, an dem viele Einzelhändler Rabatte gewähren, auch Einkaufsgeschäfte blockiert werden sollen. Auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil sind „niedrigschwellige Aktionen“ geplant, durch die Aktivisten mit Kunden ins Gespräch kommen und sie „als Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft“ allerdings auch daran hindern wollen, in Geschäfte hineinzugehen.

          Spricht man führende Köpfe der Bewegung auf die unterschiedlichen Herangehensweisen an, betonen sie gern, dass jede Ortsgruppe für sich entscheidet, was sie macht. Dadurch sind die Ausrichtungen teilweise sehr unterschiedlich. Als etwa kürzlich in Göttingen die Lesung des ehemaligen Innenministers Thomas de Maizière durch eine „Demo gegen Rechts“ verhindert und ihm unterstellt wurde, ein Rechtspopulist zu sein, tauchten auch Fahnen von „Fridays for Future“ auf. Doch nicht die Ortsgruppe sei verantwortlich gewesen, sagt Jakob Blasel, einer der führenden Köpfe. „Jeder kann eine Flagge von uns hochhalten“, der Name sei nicht geschützt. Es entstand jedoch der Eindruck, dass „Fridays for Future“ versucht, einem CDU-Politiker das Wort zu verbieten.

          Die Verankerung vor Ort war bislang die große Stärke der Bewegung. Entscheidungen werden allerdings bundesweit von allen Ortsgruppen gemeinsam getroffen. Die sonntäglichen Telefonkonferenzen seien „teilweise zäh verlaufen“, sagt Blasel, aber Vielfalt und Basisdemokratie seien sehr wichtig. In den Ortsgruppen gibt es Dutzende Arbeitsgruppen, die sich mit teilweise ähnlichen Themen beschäftigen, was zuweilen ein Zuständigkeitsgerangel zur Folge hat.

          Wie groß auch das interne Konfliktpotential ist, zeigt eine Ankündigung von Luisa Neubauer, der inoffiziellen Anführerin der Bewegung. Im nächsten Sommer soll eine Großveranstaltung des Schülerstreiks im Berliner Olympiastadion stattfinden. Um das zu ermöglichen, werden Eintrittskarten für 29,95 Euro auf einer Spendenplattform verkauft. Noch nie habe man „so günstig“ die Welt retten können, schrieb Neubauer. Doch das stieß auf Kritik; Neubauer wurde vorgeworfen, politischen Protest vom Geldbeutel abhängig zu machen. Die Berliner Ortsgruppe, mit der das alles nicht bis ins Letzte abgesprochen war, distanzierte sich von ihr.

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