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Rechtsextremismus in Sachsen : Angekommen in der Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

„Dumpfer Hass“ statt „fairer Dialog“: Auch Stanislaw Tillich machte am Mittwoch in Heidenau diese Erfahrungen im Gespräch mit „besorgten Bürgern“ Bild: dpa

Lange haben Sachsens Ministerpräsident Tillich und die CDU die Augen vor Fremdenhass in ihrem Land verschlossen - trotz Pegida. Das geht nun nicht mehr. Im Land herrscht angesichts der Asyldebatte ein emotionaler Ausnahmezustand.

          Zusammenkünfte der sächsischen CDU sind in der Regel Feiern des Erfolgs: Sachsens gehe es blendend, heißt es dann stets, der Freistaat stehe super da, und es sei ja klar, wem dieses Land das alles zu verdanken habe: Der Partei, die Sachsens seit fast 25 Jahren regiert. So begann es auch am Donnerstag, als die CDU-Fraktion zum Mediensommerfest geladen hatte. Ein lauer Sommerabend am Fuße des Loschwitzer Elbhangs, Musik und italienisches Buffet. Der Fraktionsvorsitzende Frank Kupfer eröffnete wie gewohnt: Tolles Land, prächtige Partei, zukunftsfähige Koalition. Und, zugegeben, ein paar Probleme mit Asyl und „sehr unschöne Dinge“ neulich in Heidenau. Die Gäste plauderten weiter, die Kellner schenkten großzügig nach.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Dann trat Stanislaw Tillich ans Mikrofon. In normalen Zeiten hätte er jetzt eine Gute-Laune-Rede mit den üblichen Zutaten gehalten: Sachsen, Spitze, Tradition und Zukunft. Doch es kam anders. Er habe in seinem ganzen Leben noch nicht ein solches Ausmaß an Menschenverachtung wie in Heidenau erlebt, begann der Ministerpräsident und Parteivorsitzende, der noch unter dem Eindruck der Ereignisse vom Vortag stand. Da war er erstmals direkt auf vermeintlich besorgte Bürger zugegangen, die sich vor dem zur Notunterkunft für Asylbewerber umfunktionierten Baumarkt versammelt hatten und auf den Besuch der Bundeskanzlerin warteten. „Volksverräterin“, hatten sie auf Plakate geschrieben.

          „Das ist nur noch dumpfer Hass“

          Gut 20 Minuten hatte sich Tillich dort Leuten gestellt, die von ihm vehement einen „fairen Dialog“ forderten, die ihn jedoch permanent beleidigten, beschimpften, niederbrüllten. Tillich bewahrte Ruhe und bat mehrfach, ihn ausreden zu lassen. Doch alle seine Versuche, zu einer Antwort anzusetzen, waren vergeblich. „Das sind keine besorgten Bürger“, resümierte Tillich jetzt. „Das ist nur noch dumpfer Hass.“

          Ganz still war es mittlerweile geworden. Manche CDU-Abgeordnete, die Ähnliches längst aus ihren Wahlkreisen kennen müssten, guckten, als spreche Tillich von einem fremden Land. Und der Blick von Fraktionschef Kupfer verfinsterte sich noch mehr, als Tillich erklärte, dass Sachsen in der Vergangenheit weltoffen gewesen sei, dass aber „wir alle“ daran arbeiten müssten, damit das auch künftig wieder gelte. Zwar sei er sich sicher, dass die Mehrzahl der Sachsen aufgeschlossen gegenüber Asylbewerbern sei, doch gebe der Freistaat derzeit kein gutes Bild in der Welt ab.

          Emotionaler Ausnahmezustand

          Noch vor drei Monaten wäre ein solches Eingeständnis, ja überhaupt eine solche Rede Tillichs undenkbar gewesen. Doch Tillich ist in einer schwierigen, vielleicht der schwierigsten Phase seiner bisherigen Amtszeit. Naturkatastrophen, das hat er während der Flut 2013 wieder bewiesen, kann er als Ingenieur locker meistern. Jetzt aber herrscht auch ein emotionaler Ausnahmezustand. Eine schier unaufhaltsame Welle an Protest pflügt durch das Land. Heidenau werde nicht der letzte Ort sein, wo die Lage eskaliere, prophezeite Bürgermeister Jürgen Opitz. Es sei ja immer das gleiche: „Die NPD bereitet den Boden, und dann kommen die Schläger.“ Schon fallen Ortsnamen wie Zwickau, Meerane oder Borna, in denen auch Erstaufnahmeeinrichtungen geplant sind.

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