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Freiwillige Feuerwehr : Einen Löschkübel für jeden Bürger

  • -Aktualisiert am

An einer Rodgauer Schule wird ein Einsatz simuliert - um Nachwuchs zu gewinnen. Bild: Kühfuss, Patricia

Die freiwilligen Feuerwehren haben Nachwuchssorgen und stellen dabei das gesamte System der Brandbekämpfung in Frage. Bemühungen um neue Mitglieder sind vielfältig, besonders Freiwillige mit Migrationshintergrund und Frauen werden umworben.

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          Manchmal, wenn Jonas Berner im Unterricht sitzt, geht sein Alarmpiepser los. Dann springt der Rodgauer Schüler auf, entschuldigt sich bei seinem Lehrer, radelt zur Feuerwache und fährt in den Einsatz. Ohne freiwillige Feuerwehrleute wie Berner könnte jeder Hausbrand in Deutschland in einer Katastrophe enden. Zwei Drittel aller Einsätze werden bundesweit von Freiwilligen bewältigt. Und weil es von denen immer weniger gibt, ist auf lange Sicht nicht nur die Vereinskultur in ihrer Existenz bedroht - sondern das deutsche System der Feuerbekämpfung insgesamt. Besonders in ländlichen und strukturschwachen Gebieten kämpfen die freiwilligen Feuerwehren darum, die Einsatzfähigkeit weiter zu gewährleisten. Berner ist ein Beispiel dafür. Ihm macht die Arbeit bei der Feuerwehr zwar Spaß - aber es fehlt ihm an Wertschätzung für sein Engagement. „Vor ein paar Wochen hat eine Garage gebrannt. Wir waren in sechs Minuten da, und trotzdem haben sich die Besitzer beschwert, wir wären zu langsam gewesen“, sagt Berner. Viele Leute wüssten gar nicht, dass die Einsatzkräfte ihre Arbeit freiwillig machten.

          Diese Erfahrung machen auch die freiwilligen Feuerwehrleute in Modautal bei Darmstadt. Der Wehrführer, der Kreis- und Gemeindebrandinspektor und der Bürgermeister der 5000-Seelen-Gemeinde haben sich an einem Mittwochabend im Juli versammelt, um über die Situation der Feuerwehr zu sprechen. Numerisch sind die Probleme, die Gemeindebrandinspektor Marcus Bauer nüchtern schildert, schnell zusammengefasst: „2000 hatten wir 215 Mitglieder, aktuell sind es nur noch 152. Davon sind nur 27 tagsüber grundsätzlich verfügbar, was nicht bedeutet, dass sie dann auch in jedem Fall ausrücken können.“ Bauer beschreibt die Situation als eine „riesige Herausforderung“ und als „Glücksspiel“. „Wir bauen da auf den Zufall.“ Zustimmendes Nicken in der Runde. Obwohl recht klein, gibt es in Modautal rund 100 Alarmierungen im Jahr. In Zukunft sollen vier der acht Feuerwehren in einem zentralen Standort zusammengelegt werden, um Kräfte zu zentralisieren und Verwaltungsaufgaben, die ebenfalls ehrenamtlich erledigt werden, zu reduzieren.

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          Folgt man der Diskussion in Modautal, spürt man Besorgnis, aber auch eine gewisse Ratlosigkeit. Der demographische Wandel treffe eben auch die Feuerwehr, hinzu käme der gesellschaftliche Wandel, heißt es. Mehr Leute arbeiteten tagsüber in weiter entfernten Orten, die Jugend ziehe nach der Schulzeit häufig weg und es gebe, im Gegensatz zu früher, eine hohe Anzahl an Freizeitangeboten, mit denen die Feuerwehr konkurriere.

          Früher oder später werde das System so nicht mehr funktionieren

          Es sind Klagen, die man vielerorts vernimmt, und ein Wandel, der nicht nur das 150 Jahre alte System in Modautal ins Wanken bringt. Ihm entgegenzutreten scheint den Modautalern schwierig. Viel funktioniere über persönliche Ansprache, auch der Tag der offenen Tür sei da ein Pflichttermin. Über verschiedene Bemühungen wird in der Runde berichtet, als es aus einem Freiwilligen herausbricht: „Wir kommen so nicht weiter!“ Es ist der Feuerwehrmann Jens Haumann. Früher oder später werde das System so nicht mehr funktionieren, sagt Haumann. Langfristig brauche man hauptamtliche Unterstützung. Einen Gerätewart auf halber Stelle gibt es bereits in Modautal. „Und auch das ist schon eine große finanzielle Herausforderung“, sagt Bürgermeister Jörg Lautenschläger als jemand, der auch die Finanzen im Blick haben muss. Haumann hält dagegen: „Man muss weiter Aufgaben abgeben, und wenn die Gemeinde das nicht kann, dann muss eben der Kreis oder das Land etwas tun.“ Es ist das übliche Dilemma: Die Gemeinden sind überfordert, das Land aber nicht zuständig. Mehr als zehn Jahre war Haumann stellvertretender Gemeindebrandinspektor, heute übernehme er keine Ämter mehr. „Ich war irgendwann völlig ausgezehrt.“ Viele der Anwesenden besetzen gleich mehrere Ämter.

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