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Freistaat Bayern : Adieu, Restrepublik!

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Wilfried Scharnagl: „Es ist Zeit für das große bayerische Aufbegehren“ Bild: dpa

Der Traum von einem bayerischen Staat lebt: Wilfried Scharnagl, einst Strauß-Vertrauter und „Bayernkurier“-Chefredakteur, hat ein flammendes Plädoyer für die Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit verfasst.

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          Einem herrlichen Sommertraum können sich die Bayern hingeben. Einem Sommertraum, in dem ihr Land von den Zwingherren in Berlin und Brüssel befreit und wieder ein eigener Staat ist. Ein Sommertraum, in dem Horst Seehofer als Präsident eines unabhängigen Bayern in Berlin von der Kanzlerin Restdeutschlands mit militärischen Ehren empfangen wird. Ein Sommertraum, in dem im unabhängigen Bayern wieder Schlösser gebaut werden, welche die Welt ins Staunen versetzen - mit Milliarden, die nicht mehr im Länderfinanzausgleich versickern. Ein Sommertraum, in dem der FC Bayern München als bayerische Nationalmannschaft Fußballweltmeister wird.

          Eine Phantasmagorie in flirrender Sommerhitze nach dem Genuss von ein, zwei, drei kühlen Weizenbieren? Nicht ganz. Wilfried Scharnagl, einst Vertrauter des CSU-Patriarchen Franz Josef Strauß und Chefredakteur des „Bayernkurier“, hat die Initiative ergriffen und ein flammendes Plädoyer für die Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit Bayerns verfasst. „Es ist Zeit für das große bayerische Aufbegehren“, ruft Scharnagl seinen Landsleuten zu.

          „Bayern erneut bedroht“

          Der Januar 1871 mit dem Eintritt des Königreichs Bayern in den zentralistischen Einheitsstaat des Deutschen Reiches unter preußischer Dominanz markiert für ihn „den beginnenden Absturz auf einer schiefen historischen Ebene“, mit einer Entwicklung, die im Zweiten Weltkrieg ihr katastrophales Ende gefunden habe. Jetzt, angesichts zunehmenden Drucks aus Berlin und Brüssel, sei Bayern „erneut bedroht“.

          Scharnagl gehört dem Jahrgang 1938 an; seine Gedanken nur als Launen eines Ruheständlers abzutun, griffe freilich zu kurz. Er nutzt die Freiheit des Alters, um eine politische Gemütslage zuzuspitzen, die in Bayern immer wieder hervorblitzt. Die Angst, in einem „Berliner und Brüsseler Doppelgriff“ keine Luft mehr zu bekommen, ist dort durchaus präsent. Sie nicht zu berücksichtigen, wäre für eine CSU, die um ihre Vormachtstellung kämpft, töricht; auch der Zuspruch, den Peter Gauweiler in der CSU nach Jahren der Isolation wieder erhält, zeugt von einer wachsenden, um es mit einem Wort von ihm zu benennen, „Bavarität“.

          Gauweiler schlägt ähnliche Akkorde wie Scharnagl an und beklagt auch den Verlust der bayerischen Souveränität bei der Reichsgründung 1871; er spielt mit ihnen aber verhaltener als Scharnagl. Schließlich streitet Gauweiler vor dem Bundesverfassungsgericht wider eine, wie er es empfindet, Enteignung des demokratischen Souveräns im Zuge der Euro-Rettung. In Karlsruhe im Wams des Separatisten aufzutreten, könnte da wenig förderlich sein. Aus seiner Freude an Scharnagls Vorstoß, der in dieser Woche als Buch erscheint, macht er aber keinen Hehl: „Jetzt werden die Karten neu gemischt.“

          Heißt der Kampfruf der CSU also „Los von Berlin?“ Ist es ein Kampfruf, den sich Seehofer und sein Generalsekretär Alexander Dobrindt nur nicht laut zu intonieren trauen? Strauß ließ Scharnagl die Ehre zuteil werden, schon zu dessen Lebzeiten gleichsam ein Epitaph für ihn zu formulieren: „Scharnagl schreibt, was ich denke, und ich denke, was Scharnagl schreibt.“

          Ein ganz normales Bundesland?

          Schreibt Scharnagl jetzt, was Seehofer denkt, und Dobrindt versucht, beide zu verstehen? Hinter dem polemischen Gestus Scharnagls verbirgt sich ein Kunstgriff, den die CSU fast schon verlernt hat - den Wählern einzuhämmern, dass Bayern alles andere als ein ganz normales Bundesland mit ganz normalen Parteien ist. So gesehen, könnte Scharnagls Ruf rechtzeitig vor der Landtagswahl im Herbst nächsten Jahres erschallen.

          Ein Zug des bayerischen Wesens, der sich Landesfernen nicht immer erschließt, ist eine gewisse Radikalität des Denkens, die aber nicht final verstanden werden darf - dafür sorgt schon die katholische Eschatologie.

          Scharnagl spannt für sein Plädoyer einen großen geographischen Bogen, der von den tschechischen und slowakischen Nachbarn, die sich „zu neuer Staatlichkeit formiert“ hätten, über Katalonien auf der Iberischen Halbinsel bis nach Schottland reicht, „wo man einen konstruktiven und demokratischen Weg in die Unabhängigkeit“ vorbereite.

          Apropos Schottland: Nach Auffassung der Jakobiten ist Herzog Franz, der Chef des Hauses Wittelsbach, als Nachfahre der Stuarts legitimer König von England, Schottland, Irland und Frankreich. Das bayerische Streben nach einem eigenen Staat könnte also noch ganz andere als die Scharnaglschen Blüten treiben.

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