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OB-Wahl in Freiburg : Frisst die grüne Bewegung ihre Kinder?

Die Abstimmung in Freiburg gibt die Richtung vor: Eine Wahlniederlage Salomons (r) könnte auch für den grünen Ministerpräsidenten Kretschmann unangenehme Folgen haben. Bild: dpa

In Freiburg begann der Siegeszug der Grünen im Südwesten. Während CDU-Leute nun für Dieter Salomon als Oberbürgermeister werben, hadert das linke ökologische Milieu mit ihm.

          5 Min.

          Glyzinien duften am Außenaufgang des Mehrfamilienhauses in Vauban. Im dritten Stock debattiert Familie Scheller in ihrer Wohnküche. Dunkle, antiquarische Küchenmöbel, ein Boxsack, Postkarten vom Eiffelturm und Fotos der Mittelmeerküste. Vom Balkon blickt man in den Schwarzwald, der Feldberg ist nicht weit. Die jüngere Tochter rührt einen Kuchenteig an. Susanne Scheller, ihr Mann Axel Radek und die ältere Tochter Malika sitzen am Küchentisch und diskutieren, wie es nach dem kommenden Sonntag politisch in Freiburg wohl weitergehen könnte: mit Oberbürgermeister Dieter Salomon und seiner grün-schwarzen Politik.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Oder mit dem 33 Jahre alten Martin Horn, der von SPD und FDP unterstützt wird, den seine Gegner jedoch „Praktikant“ nennen und als „Nobody“ verhöhnen? Immerhin bekam Horn in Vauban, der Öko-Vorzeigesiedlung der Republik, mehr Stimmen als Dieter Salomon. Oder schafft es vielleicht Monika Stein, eine linke Grüne, die in Vauban sogar mit mehr als 50 Prozent der Stimmen als Favoritin aus dem ersten Wahlgang hervorging, die im Gesamtergebnis aber auf dem dritten Platz landete.

          Für die Grünen in Baden-Württemberg hat Freiburg einen hohen Symbolwert. Salomons Sieg vor 16 Jahren war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur etablierten politischen Kraft. Verliert er, dann wird sich der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann um eine Richtungsdebatte über den grün-schwarzen Kurs nicht herummogeln können.

          Die 16 Jahre alte Malika war Erstwählerin bei der Oberbürgermeisterwahl. Jedes Detail und jedes taktische Manöver des Wahlkampfes hat sie verfolgt. „Da muss man sich nur Salomons Wahlplakate für den ersten Wahlgang anschauen, die sind doch ein Witz, da steht ein Mann im schwarzen Anzug, das Ganze ist auch noch in Gold gehalten. Ob er nun eher für die Grünen Politik macht oder für die CDU, steht da gar nicht drauf. Keine Inhalte!“, sagt sie. Salomon hat es schwer bei der Familie Scheller und in der ganzen Siedlung mit energieeffizienten Häusern und Bioläden, mit der sich Freiburger vor fast zwanzig Jahren einen Traum erfüllten. Sie bauten ihre Häuser nach dem Baugruppenmodell und verwirklichten ihr ökologisches Utopia.

          Claudia Roth soll die Stimmen aus Vauban retten

          Mit Erfolg – das Quartier ist stabil, die Fluktuation gering, auch wenn sich die Wohnungen und Häuser heute nur noch gut verdienende Akademiker leisten können. Eine 110 Quadratmeter große Wohnung wird auch in Vauban für mindestens 1600 Euro Kaltmiete vermietet, ein Reihenhaus ist für 300 000 Euro längst nicht mehr zu kaufen. Das Problem für die Freiburger Grünen ist nur, dass ein Teil des Milieus eher wenig mit grün-schwarzer Politik zu tun haben will. Anders sind die 50,4 Prozent für Monika Stein, die 24,3 Prozent für Horn und die dürftigen 21,5 Prozent für Salomon in Vauban nicht zu erklären. Zur Mobilisierung der grünen Wähler (bei der Bundestagswahl 2017 holten die Grünen in diesem Stadtteil noch 40 Prozent der Zweitstimmen, die CDU blieb unter zehn Prozent) schickte der Oberbürgermeister am Wochenende sogar Claudia Roth als Türöffnerin fürs Milieu ins Viertel. Es kamen immerhin 80 Zuhörer, und Salomon konnte ein paar Argumente vorbringen.

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